Epiphanias

Am dreizehnten Tag nach seiner Geburt lag das Kind noch immer in der Futterkrippe. Trotz Hirtenhuldigung und Engelsgesang hatte sich keine komfortablere Bleibe für die kleine Familie gefunden.
Da traten drei Herren in Seide, Samt und Brokat zum Stall herein, so dass Maria und Josef von der Pracht ganz geblendet wurden. Hinter ihnen schritt ein kleiner, zerlumpter Trommlerjunge einher.
Der erste, ein Greis mit weißem Barte, trat an die Krippe heran und sprach: „Wir haben deinen Stern aufgehen sehen. Wir werden sehen, wie er strahlt, aber wir werden ihn auch untergehen sehen. Ich bin Melchior und bringe dir die Heilpflanze Myrrhe dar, denn du wirst der Heiland sein, ein Wundertäter und Verkünder der Nächstenliebe und des Reiches Gottes. Du wirst der Christus sein, der Gesalbte. Aber die Myrrhe verwendet man auch zur Balsamierung der Toten. Du wirst eines schrecklichen, gewaltsamen Todes sterben. Das Reich Gottes wird gehörig auf sich warten lassen, und stattdessen werden deine Anhänger eine Kirche gründen. Anstatt deine Lehre zu verkünden, werden sie deinen Tod mystifizieren und das Martergerät zum Symbol ihres Glaubens erheben.“
Dann trat der zweite, ein bartloser, schwarzer Jüngling, vor und sprach: „Siehe, ich bin Caspar und reiche dir den Weihrauch – Symbol deiner geistlichen Macht und erprobtes Mittel der Priesterschaft, um die Sinne der Gläubigen zu benebeln. Die Kirche, von der Melchior soeben sprach, wird davon regen Gebrauch machen, indem sie das freie Denken verbietet und vorschreibt, was ein jeder zu glauben habe. Und viele, die nicht daran glauben wollen, werden dran glauben müssen.“
Entschlossen trat der dritte Herr zur Krippe, ein verwegener Mann mittleren Alters, den ein dunkler Vollbart zierte: „Balthasar nennt man mich, und ich bringe dir zum Zeichen deines Königtums einen Klumpen Gold. Obwohl: Dein Reich ist nicht von dieser Welt. Umso mehr wird es das Reich der Kirche deines Namens sein. Sie wird Hab und Gut ihrer Gläubigen einsammeln gegen das Versprechen von deren Seligkeit, wird missionieren um zu rauben und wird Berge von Schätzen anhäufen, während sie den Gläubigen Askese predigt. Ihr Hunger nach weltlicher Macht und schnödem Reichtum wird schier unstillbar sein.“
Die drei verneigten sich tief und eilten davon.
Zurück blieb der kleine Trommler, der einen leisen Wirbel schlug und flüsterte: „Ich habe kein Geschenk für dich. Ich kann dich nur wachtrommeln. Ich bin eine arme, namenlose Waise. Mein Vater fiel im Krieg im Namen Gottes gegen jene, die im Namen Jahwes kämpften. Das Schwert, unter dem er fiel, warf einen kreuzförmigen Schatten. Du bist gekommen, um Frieden auf Erden zu verkünden. Du wirst Nächstenliebe ebenso predigen wie Gewaltlosigkeit und Feindesliebe. Aber sie werden Kriege führen, immer und immer wieder – nun in deinem Namen. Denen aber, die dir nicht folgen mögen, wirst du das ewige Höllenfeuer verheißen. Diese deine Drohung wird die Kirche dankbar aufnehmen, um denen, die ihr nicht folgen mögen, die Hölle auf Erden zu bereiten.“
Und unter immer leiseren Trommelschlägen ging er davon: Pam, param, parampampampam…
Das Kindlein in der Krippe regte sich nicht. Ob es wohl all die Worte vernommen hatte? Wie dem auch sei: Alles kam so, wie sie es prophezeit hatten.
Und der allmächtige Vater des Kindes ließ das zu. Wofür aber hatte er dann diesen seinen Sohn herabgesandt?

5 Responses to “Epiphanias”


  1. 1 Wolfgang Klosterhalfen Januar 6, 2011 um 11:25 am

    Sagt einmal, ihr lieben Frommen,
    warum ist Gott nicht selbst gekommen?

    (Exklusiver Vorabdruck aus der 4. Auflage der Reimbibel.)🙂

    • 2 dubiator Januar 6, 2011 um 2:45 pm

      Fürchtet Er, dass auf der Erde
      schließlich Er verspottet werde,
      weil bei aller Seiner Allmacht
      Er den Mist nicht aus dem Stall macht?

      (Kleines Geschenk an die unvergleichliche Reimbibel)

  2. 3 Wolfgang Klosterhalfen Januar 6, 2011 um 6:21 pm

    Ja, das macht dem Herren Sorgen,
    deshalb hält er sich verborgen.
    Ja, er fürchtet unsern Spott,
    armer Kerl, der „liebe“ Gott.

  3. 4 dubiator Januar 7, 2011 um 2:40 pm

    …und sein Bodenpersonal
    leidet unter gleicher Qual.

  4. 5 Sari Fritz Januar 6, 2012 um 2:35 pm

    Lieber -Wolfgang, wie immer: Wunderbar.


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