Glaubenssätze

In der SED galten folgende Glaubenssätze (vereinfacht):

Der einzige Weg in eine lichte Zukunft der Menschheit ist der Weg über den Sozialismus zum Kommunismus.
Die einzig richtige Weltanschauung ist die des dialektischen Materialismus.
Der Imperialismus ist der Erzfeind der fortschrittlichen Menschheit und Ursache allen Übels auf der Welt.
Die kommunistische Partei SED ist die Vorhut der Arbeiterklasse und ihr bewußtester Teil. Deshalb sind die Beschlüsse des Politbüros für alle Parteimitglieder bindend, und diese sind verpflichtet, sie durchzusetzen.
Kommunisten sind die Sieger der Geschichte, weil diese nach den Gesetzen des historischen Materialismus verläuft, der die Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen betrachtet, welche eines Tages in eine letzte Systemauseinandersetzung münden werden, die den weltweiten Sieg der kommunistischen Gesellschaft herbeiführen wird.
Der Marxismus/Leninismus ist allmächtig, weil er wahr ist.
Wer nicht für die sozialistische Sache ist, ist gegen sie.
Wer an dieser historischen Wahrheit oder an den Parteibeschlüssen zweifelt oder Kritik anmeldet, spielt objektiv dem imperialistischen Feind in die Hände, ist Verbündeter des Klassenfeinds, sein Agent, Diversant oder Spion, der den sozialistischen Aufbau sabotiert.
Deshalb ist mit aller Härte gegen ihn vorzugehen und die Verachtung des werktätigen Volkes möge ihn treffen.
Die Partei hat immer recht.
(Diese Glaubenssätze galten vierzig Jahre.)

War das nicht furchtbar?

In der christlichen Kirche gelten folgende Glaubenssätze (vereinfacht):

Der eine, allmächtige Gott, in seiner Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist, hat das Universum geschaffen.
Jesus Christus ist vom Himmel gekommen und Mensch geworden. Er wurde für die Menschen gekreuzigt, wurde begraben, ist auferstanden und aufgefahren in den Himmel.
Am Jüngsten Tag wird er wiederkommen, um alle Menschen zu richten. Seine Herrschaft wird unendlich sein.
Die Menschen erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben in der kommenden Welt.
Das ist die unverrückbare Wahrheit.
Die Geschichte seit dem Beginn der Zeitrechnung ist die Geschichte der Verbreitung dieser Heilsbotschaft, mit welchen Mitteln auch immer. Der Kampf gegen das Böse in der Welt wird eines, möglicherweise nicht allzu fernen, Tages einmünden in die Apokalypse.
Wer an der Richtigkeit dieser Glaubenssätze zweifelt oder Kritik anmeldet, ist ein Häretiker, Ungläubiger, Heide, Dissident oder Ketzer, der mit dem Teufel im Bunde ist. Er wird aus der Gemeinde ausgestoßen und falle der ewigen Verdammnis im Höllenfeuer anheim.
Der Papst ist unfehlbar.
(Diese Glaubenssätze gelten knapp zweitausend Jahre.)

Das ist nicht furchtbar?

4 Responses to “Glaubenssätze”


  1. 1 Nic Februar 8, 2010 um 11:15 am

    Kleiner Fehler (in dem ansonsten guten Text):
    Die SED nannte sich IMHO nie kommunistische Partei.

    Und ich stimme Dir zu: es gibt ungeheurere Parallelen zwischen Ideologien und Religionen.

    • 2 dubiator Februar 8, 2010 um 11:38 am

      Nic schrieb:
      „Die SED nannte sich IMHO nie kommunistische Partei.“

      Offiziell und im Namen nicht, das ist korrekt. Aus diesem Grunde habe ich das Adjektiv auch kleingeschrieben. Intern verstand sie sich aber sehr wohl als eine kommunistische Partei. Margot Honecker verstieg sich zeitweise dazu, explizit die „kommunistische Erziehung“ der Jugend zu fordern, was immer sie darunter verstehen mochte.
      Ja, die Parallelen sind nicht zu übersehen. Auch das ganze Brimborium mutete oft religiös an. Heutige Kirchentage erinnern mich z.B. peinlich an unsere damaligen Pfingsttreffen der FDJ.
      (Pfingsten – Heiliger/Revolutionärer Geist – oh, da keimt möglicherweise die Idee zu einem weiteren Artikel… Danke, Nic!)

      • 3 Nic Februar 8, 2010 um 2:54 pm

        Auch ich bin in der größten DDR der Welt aufgewachsen😉 Weiss also, was Du meinst.

        Allerdings erinnerten mich diese unseligen Pfigsttreffen mit ihren Faklezügen und Fahnenschwenkereien schon damals eher an Bilder von Leni Riefenstahl als an den Sozialismus oder – wie Du assoziierst – an Kirchentage.
        *Das* wäre mal ein Thema: LTI der DDR (hieße das dann LQI?)…

  2. 4 dubiator Februar 8, 2010 um 4:57 pm

    Ja, das wäre wohl was für die Linguisten. Aber ich denke, die haben sich damit gewiß schon beschäftigt, wenngleich wahrscheinlich bei weitem nicht so brillant wie ein Victor Klemperer. Sollte man vielleicht mal recherchieren dazu…


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Falls Du glaubst, Denken und Glauben schlössen einander nicht aus, bedenke deinen Glauben! Es gibt keine Götter – Gott sei Dank. Glaube ist der Sieg des Wunschdenkens über die Vernunft. Allein mit diesen drei harmlosen Sätzen errege ich gewiß bei vielen von euch Anstoß – und das nach über zweihundert Jahren Aufklärung! Aber Anstoß erregen heißt auch etwas anzustoßen. Und genau das möchte ich: ein wenig zum Denken, ein wenig zum Zweifeln.
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