Glaube und Phantasie

Er ist ein tiefgläubiger Mensch.
Wird solches über jemanden berichtet, soll das unseren allerhöchsten Respekt heischen.
Aber warum?

Unser Gehirn ist ein praktisches Instrument, mit dessen Hilfe wir uns in der Welt, die uns mehr oder weniger unmittelbar umgibt, ganz passabel zurechtfinden. Unsere Sinne teilen ihm Eindrücke mit, die es zu Bildern fügt, die uns Orientierungshilfe sind, die sich im Verlaufe unseres Lebens ansammeln, im Gehirn sortiert, geschnitten und neu zusammengestellt werden. Das Ergebnis nennt man gern ein Weltbild.
Aber unser fabelhaftes Gehirn kann natürlich noch viel mehr. Es verfügt über das mächtige Werkzeug Phantasie, zu deutsch Einbildungskraft. Damit fertigt es sich selbst Bilder an für sich selbst. Das ist überaus praktisch, denn damit können wir mittels unserer angesammelten Bilder aus der Umwelt planen und erfinden, zum Beispiel Autos oder Flugzeuge, die richtig fahren und richtig fliegen können – also nicht nur in unserer Phantasie – , oder Computer, die für uns rechnen, Daten sammeln und sogar anstatt unserer miteinander kommunizieren können.
Das ist aber auch ganz lustig, denn wir können uns selbst Dinge einbilden, die es gar nicht gibt, wie zum Beispiel Weihnachtsmänner, Märchenfeen oder Schutzengel; Wesen, die uns erfreuen können oder trösten. Oder sogar einen Gott, der über uns allen schwebt, uns befiehlt, wo’s langgeht, uns beisteht und uns nach unserem Tode in sein Himmelreich aufnimmt – für so manchen eine überaus angenehme Einbildung, so angenehm, daß er sie schließlich für die Wahrheit hält. Und diesen hinterlistigen Streich der Einbildungskraft nennt man Glaube. Doch das ist nun gar nicht mehr lustig, denn man kann diesen Glauben auch eingebildet bekommen, zumeist in der Kindheit, in der unsere Phantasie bekanntlich besonders rege ist. Und je konsequenter einer sich an seine eingebildete Wahrheit klammert, desto mehr verachtet er gewöhnlich die häßliche Wirklichkeit und mit ihr all jene, die seiner „Wahrheit“ nicht teilhaftig sein mögen. Diese Art Einbildung nennt man allerdings Hochmut.

Er ist ein tiefgläubiger Mensch.
Wird solches über jemanden berichtet, soll das unseren allerhöchsten Respekt heischen. Warum eigentlich?

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Anstößige Denk-Anstöße

Falls Du glaubst, Denken und Glauben schlössen einander nicht aus, bedenke deinen Glauben! Es gibt keine Götter – Gott sei Dank. Glaube ist der Sieg des Wunschdenkens über die Vernunft. Allein mit diesen drei harmlosen Sätzen errege ich gewiß bei vielen von euch Anstoß – und das nach über zweihundert Jahren Aufklärung! Aber Anstoß erregen heißt auch etwas anzustoßen. Und genau das möchte ich: ein wenig zum Denken, ein wenig zum Zweifeln.
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