Heiliger Zorn?

Warum reagieren Gläubige oft so abweisend, beleidigt, unwirsch, ja geradezu wütend, sobald einer ihren Glauben hinterfragt? Je tiefer der Glaube, scheint es, desto rasender die Wut.
Sollte man nicht annehmen dürfen, daß sie dank ihrer Glaubensgewißheit weit über derartig banalen Anwürfen stehen, daß sie die stolze Karawane der Auserwählten sind, die weiterzieht, während ein paar unwürdige Köter kläffen? Sollten sie sich nicht locker auf jede Debatte einlassen können, da sie doch über die alleinseligmachende Wahrheit verfügen? Oder allenfalls geringschätzig oder mitleidig herabschauen auf den bedauernswerten Wicht, der da so weit von Gott entfernt ist, daß er gar dessen Existenz bezweifelt?
Aber nein, stattdessen fühlen sie sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt, neigen zur Wut, werden zornig und zuweilen sogar gewalttätig.
Was treibt sie dazu? Ist es die Enttäuschung?
In ihrer Kindheit sind sie getäuscht worden: Man hat ihnen immerwährende Geborgenheit versprochen, einen liebenden Vater, der allezeit über sie wacht und ein ewiges Leben in Glückseligkeit – wenn sie nur immer schön brav sind und immer schön glauben. Das alles möchten sie nicht missen, obwohl sie inzwischen durchaus mehr über die Welt wissen. Deshalb täuschen sie sich nun höchstselbst – und das ahnen sie wahrscheinlich sogar. Nagt etwa in ihnen selbst ein stiller Zweifel?
Jedenfalls ist Ihre Furcht vor der Ent-Täuschung so groß, daß sie den Ent-Täuscher schmähen anstatt ihm zuzuhören. Aus Angst vor dem eigenen Zweifel suchen sie diesen notfalls mit Gewalt zu unterdrücken, mit Gewalt gegen sich selbst und gegen den Zweifler.
So verfallen sie in heiligen Zorn – obwohl doch Zorn eine der sieben Todsünden ist.
Gibt es heilige Sünden?

4 Responses to “Heiliger Zorn?”


  1. 1 harrytisch2009 März 9, 2010 um 10:09 am

    das gute an uns aufgeklärten humanistischen avantgardistinnen ist eben, dass wir über das falsche bewusstsein und die wahren bedürfnisse der wahnhaften bescheid wissen und diese dadurch besser kennen als diese selbst. sich das einzugestehen ist von den meisten menschen einfach zu viel verlangt.

    „heiliger zorn“ im sinne von berechtigter wut kann berechtigt sein, etwa wenn sich proletarischer zorn gegen kapitalistische ausbeuter, imperialisten oder zionisten richtet, die humanistische werte mit füßen treten. aber nie von wahnhaften, die sich nur ertappt fühlen, wenn jemand ihre mühsam aufgebauten illusionen in frage stellt.

  2. 3 harrytisch2009 März 9, 2010 um 10:37 am

    wir sprechen deshalb ja auch von „berechtigtem proletarischem zorn“.🙂

    und bitte gerne, dein blog gefällt uns so gut, dass unser politbüro ihn für die blogrolle genehmigt hat.

  3. 4 dubiator März 9, 2010 um 11:12 am

    Freut mich, danke schön.


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