Die Seele

Schon fast zehn Jahre lebte der Alte im Heim. Die Kräfte hatten ihn verlassen, nun verflüchtigte sich allmählich auch sein Gedächtnis. Da er dennoch über einen wachen Geist verfügte, verdroß ihn das sehr, und er fragte den Pfarrer um Rat.
„Wie ist das mit der Seele, Herr Pfarrer?“
„Nun“, hub der Pfarrer seine Trostworte an, „deine Seele ist unsterblich. Durch Gottes Gnade wird sie ins Jenseits eingehen, zum ewigen Leben.“
Der Alte schwieg, dachte ein Weilchen nach, dann schüttelte er den Kopf und erwiderte:
„Hm, so wie sie jetzt beschaffen ist? Oder noch schlimmer: Falls ich noch ein paar Jährchen mitmache, ist mein bißchen Verstand in der Stunde meines Todes vielleicht ganz im Eimer. Das wäre mir aber höchst peinlich, in solchem Zustand im Jenseits umherzuwandeln, womöglich unter all meinen schon dahingegangenen Freunden, die ich dann nicht mal wiedererkenne.“
Der Pfarrer war durchaus vertraut mit allerlei Einwänden zweifelnder Schäfchen und glaubte daher Rat zu wissen:
„Nun, wahrscheinlich wird dir Gott in deinem speziellen Fall eine besondere Gnade erweisen: Er wird dich auswählen lassen, auf welcher Lebensstufe deine Seele sich befinden soll – schließlich ist sie von ewigem Bestand.“
„So“, murrte der Alte, „ist sie das? Aber ich hab überhaupt keine Vorstellung davon, wie sie, sagen wir mal, vor meiner Geburt beschaffen war. Oder sollte ich mir vielleicht ihren Zustand der kindlichen Unschuld wünschen? Auslachen würden mich die anderen ob meiner Naivität und meines kindischen Getus. Außerdem wär’s schade um die späteren schönen und weniger schönen Erfahrungen.“
„Wie wär’s mit dem besten Mannesalter?“ schlug der Pfarrer vor.
„Oh nein“, lachte der Alte, „wenn Sie wüßten, was ich damals für ein Windhund und Hallodri war! Das wäre mir unter all den seriösen Herrschaften erst recht unangenehm, vor allem gegenüber den Damen – wenn Sie versteh’n was ich meine.“
Der Pfarrer gab auf, erfaßte die Hände des Alten und sprach: „Alles wird gut, mein Sohn. Vertrau auf Gott.“
„‘Mein Sohn!‘“, murmelte der Alte, „könntest mein Enkel sein!“ und schüttelte wieder den Kopf.

Ein paar Tage später schaute der Arzt bei dem Alten vorbei, maß den Blutdruck, horchte ein bißchen ab, fühlte den Puls und beklopfte ihm den Rücken.
„Wir sind ja fit wie ein Turnschuh“, rief er aus und nickte dem Alten aufmunternd zu. Der verzog aber keine Miene und brummte nur:
„Von wegen. Ich kann mir überhaupt nichts mehr merken, meine Birne wird immer löcheriger.“
„Aber aber“, versuchte ihn der Doktor zu beschwichtigen, „in deinem Alter ist das so unnormal nicht. Darüber solltest du dich nicht ärgern.“
„Nicht ärgern? Und was ist mit meiner Seele? So kaputt wie die jetzt schon ist, soll die dann ins ewige Leben eingehen?“
Der Doktor wiegte den Kopf: „Willst du Trost oder meine ehrliche Meinung als Mediziner wissen?“
„Zu trösten hat mich schon der Pfarrer versucht. Mach mir nichts vor.“
„Tja, weißt du“, setzte der Arzt zu einer Art Patientenvortrag an, „das, was wir gemeinhin Seele nennen, ist nicht mehr und nicht weniger als eine Funktion unseres Gehirns, wenn auch eine sehr komplexe. Und wenn unser Gehirn abstirbt, dann funktioniert da logischerweise nichts mehr, und damit ist dann auch die Seele weg – einfach futsch. Zwar mag es seelenlose Hirne geben, Seelen ohne Hirn aber hat noch keiner aufgespürt.“
Der Alte sah den Arzt mit einem Blick an, den der wohl für verständnislos hielt, deshalb ging der Doktor nach kurzer Überlegung zum Fernseher und schaltete den Apparat ein.
„Guck mal“, fuhr er dann fort, „das ist wie mit dem Fernsehbild: So lange der Kasten in Ordnung ist, siehst du es deutlich und klar und hast alle Programme zur Auswahl. Ist er aber defekt…“ Der Arzt verdrehte die Sendereinstellung ein wenig, so daß das Bild grießig wurde. „…dann flackert das Bild oder fällt bisweilen zusammen. Und gibt die Glotze eines Tages ihren Geist ganz auf, dann ist das Bild eben weg. Es schwebt danach nicht irgendwo im Raum umher oder unterhält sich gar mit anderen Bildern längst verschrotteter Kisten.“
Der Alte senkte den Kopf und bedeckte die Augen mit der Hand, so als ob er grübelte. Dann sprach er leise:
„Da ist ja trotzdem noch der Sender und das Antennenkabel.“
„Sicher“, sagte der Doktor, „aber auch der Sender erzeugt kein frei schwebendes Bild, wenn das Kabel gekappt ist.“
Der Alte lächelte wehmütig. Der Arzt legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Der Gedanke mag dich ängstigen, ich weiß. Aber aufgrund meines Wissens um den menschlichen Körper kann ich einfach keine andere redliche Schlußfolgerung ziehen.“
„Nein nein, keineswegs“, sagte der Alte, und seine Äuglein begannen zu funkeln, „was du da sagst, beruhigt mich. Es wäre ja nicht mal gesagt, daß ich in des Pfarrers Jenseits meinen alten Freunden begegnete. Wer weiß, mit was für Klapsköppen ich mich dort rumärgern müßte! Und warum sollte ich mich vor dem Nichts fürchten? Ich werde es ja nie erfahren.“

2 Responses to “Die Seele”


  1. 1 Linus Heilig April 19, 2010 um 9:50 am

    Neue Lehrer(n) braucht das Land. „We have to learn not to learn what we learn“.

    Einleuchtung: hätte es zur Zeitenwende schon TV gegeben, wäre uns zumindest die Christenseele erspart geblieben.

    Erleuchtung kommt dann zu Pfingsten? Der Heilige Geist freut sich schon auf göttliche Eingebungen.

  2. 2 dubiator April 19, 2010 um 12:54 pm

    Ja, aber ob das einem jeden einleuchtet?
    Apropos Erleuchtung: So richtig hat mir der Heilige Geist noch nicht heimgeleuchtet. Aber wir arbeiten dran.


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Falls Du glaubst, Denken und Glauben schlössen einander nicht aus, bedenke deinen Glauben! Es gibt keine Götter – Gott sei Dank. Glaube ist der Sieg des Wunschdenkens über die Vernunft. Allein mit diesen drei harmlosen Sätzen errege ich gewiß bei vielen von euch Anstoß – und das nach über zweihundert Jahren Aufklärung! Aber Anstoß erregen heißt auch etwas anzustoßen. Und genau das möchte ich: ein wenig zum Denken, ein wenig zum Zweifeln.
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