Unverhoffte Begegnung der dritten Art

BieretikettGanz am östlichen Rand des Landes, unweit des Grenzflusses, liegt eine Ortschaft, die sich einst neben einem Zisterzienserkloster ansiedelte. Das Kloster wurde 1817 säkularisiert, in Betrieb blieben nur die Kirche, ein kleines barockes Schmuckstück, und die Klosterbrauerei, ein Juwel traditioneller Braukunst. Der Heilige Geist schwebte also weiterhin sowohl in ätherischer als auch in flüssiger Form über dem Flecken. Das war wohl auch die Ursache dafür, dass selbst in den finstersten Zeiten die Gemeinde eine feucht-fromme Oase inmitten der dürstend-gottlosen Wüste bildete.
Dank der Findigkeit und des Geschäftssinnes seiner Bewohner konnte der Ort erfolgreich beide Traditionen nicht nur bis auf den heutigen Tag bewahren, sondern sie auch aufs trefflichste miteinander verflechten, was alljährlich in der Veranstaltung der größten Herrentagsparty des Landes kulminiert.
So strömten sie auch in diesem Jahre herbei, zehn Tage vor Pfingsten, dem lieblichen Feste, die trinkfesten Herren aus nah und fern, aber auch sittsame Familien mit Kind und Kegel. Immerhin hatte man hier die Gelegenheit, zunächst dem Herrn und hernach dem Gambrinus seine Aufwartung zu machen. Die meisten fingen allerdings gleich beim Gambrinus an. Ja, an diesem reizenden Orte konnte wahrlich in guter preußischer Tradition ein jeglicher nach seiner Facon selig werden, bierselig zumindest.
Auch die beiden wackeren Junggesellen Peter und Paul hatte es wieder hierhergetrieben. Mit einem Fliederzweig im Hemdknopfloch zechten sie fröhlich vor sich hin, als sie unversehens in der wimmelnden Menge eines seltsamen Mannes ansichtig wurden.
„Guck mal den da“, sagte Peter, „was hat denn der an? Ist das’n Ölscheich?“
„Nö, glaub ich nicht“, entgegnete Paul, „das ist bloß ein langer Leinenkittel. Wahrscheinlich irgend so’n Typ von der Müslifraktion oder’n Junkie oder was. Soll sich mal nicht erkälten in seinen lächerlichen Sandalen.“
„Mit dem Bart sieht der aus wie…“ Peter deutete mit dem Kopf in Richtung der Kirche.
„Herabgestiegen, was?“ lachte Paul und nahm einen kräftigen Zug aus seinem Bierbecher.
„Meine Güte, was macht er denn jetzt?“
Der Fremde, nachdem er zwischen den Tischen und Bänken umhergewandelt war und offenbar versucht hatte, mit einigen Leuten ins Gespräch zu kommen, versuchte, eine der vier Bühnen zu erklimmen. Ordner eilten flugs herbei und hinderten ihn daran, zusammen mit ein paar Gästen. Die Band spielte etwas lauter. Dann war der Leinenkittel unversehens im Handgemenge verschwunden, und Peter und Paul wandten ihre ganze Aufmerksamkeit wieder dem Gerstengetränke zu.
Es war schon später Nachmittag, als Paul sich erhob. „Du, ich muß mal. Kommste mit?“
„Sicher“, sagte Peter, „aber nicht wieder auf so ein verkeimtes Dixi-Klo, da bleibt mir alles weg. Laß uns da hinter dem alten Wirtschaftsgebäude im Gehölz verschwinden.“
Auf diese Idee waren vor ihnen offenbar schon andere gekommen, denn in dem Wäldchen ging es recht anrüchig zu. „Mein Gott, wie die Neandertaler!“ schimpfte Paul, und sie stiefelten vorsichtig bis zum hinteren Waldrand, wo man einen weiten, freien Blick auf die Polderwiesen hatte.
Beide seufzten erleichtert, nachdem der Druck abgelassen war, hoben den Blick über die weite Ebene – und rissen erstaunt die Augen auf. „Wow!“
Inmitten der ausgedehnten Wiesenfläche stand ein mattschwarz glänzendes, linsenförmiges Objekt von zehn bis fünfzehn Metern Durchmesser. Von Weitem waren mehrere Luken und eine Art Gangway zu erkennen. Neugierig pirschten sich Peter und Paul, über Steine und Maulwurfshügel stolpernd, näher heran. Als sie das merkwürdige Gerät beinahe erreicht hatten, vernahmen sie schnelle Schritte hinter sich, hielten an wie ertappte Wilddiebe und drehten sich um. Er war es: der naturleinene Müslimann.
„Halt!“ rief er mit einem harten, fremdartigen Akzent, „Nicht näher heran!“
„Ist das ein…?“ fragte Paul mit großen Augen.
„Ein Ufo, klar. So nennt ihr sowas wohl“, bestätigte ihm der Fremde. „Aber bleibt weg von dem Ding. Die Strahlung beim Start ist nicht ganz ungefährlich. Die hat schon einmal den Leuten die Sinne verwirrt, als ich das letztemal auf euerm Planeten war.“
Peter und Paul standen wie vom Donner gerührt. Der Mann eilte an ihnen vorüber und setzte seinen Fuß auf die Gangway. Dann wandte er sich noch einmal zu ihnen um und sprach:
„Nun schaut nicht so ungläubig! Ja, wir sind Nachbarn. Aber es ist verdammt weit weg, deshalb schaffen wir es gerade mal alle zweitausend Jahre hierher – ich meine zweitausend für euch. Beim letzen Mal hab ich mich redlich bemüht, den Leuten wenigstens ein paar vernünftige Sachen beizubringen. Aber die haben mich gründlich mißverstanden. Regelrecht abgeschlachtet haben die mich! Nun, wir sind schon ein bißchen weiter als ihr, und für uns ist ein Tod in dieser Avatar-Gestalt nicht endgültig. Unangenehm war es trotzdem, das könnt ihr mir glauben, und ich möchte es wirklich nicht noch einmal drauf ankommen lassen. Am peinlichsten war jedoch, wie eure Leute hinterher alles verdreht und was für eine Story und welchen Kult sie aus der Episode gemacht haben.“ Er wies mit ausgestrecktem Arm auf den Kirchturm, der hinter dem Wäldchen hervor lugte.
„Nun dachten wir“, fuhr er fort, „da eure Wissenschaft und Technik unterdessen rasante Fortschritte gemacht hat, könnten wir es wagen, offenen Kontakt zu euch aufzunehmen. Aber die Zeit ist immer noch nicht reif. Viel gescheiter seid ihr nicht geworden. Einzig, dass ihr hier so ausgelassen feiert, das freut mich, das läßt mich hoffen. Ich hab nur noch nicht so recht verstanden, was der Anlaß ist. Die Leute haben mir keine klare Antwort geben können. Ist ja auch egal, mach ich euch halt einen Vorschlag: Wir haben einen ganzen Teil des Alls erforscht und feststellen müssen, dass es ein extrem seltenes Phänomen ist, auf einem Planeten eine solche Lebensvielfalt und dazu Wesen vorzufinden, die diese, sich selbst und sogar das Universum imstande sind zu erkennen. Das allein, meine ich, ist schon ein triftiger Grund für ein ausgelassenes Fest der Lebensfreude. So feiert doch einfach den Evolutionstag!“
Jetzt lächelte er sogar, breitete grüßend die Arme aus und verschwand in seinem Ufo. Die Gangway klappte ein, das Gefährt hob unter leisem Rauschen ab, stieg senkrecht in die Lüfte empor und verschwand in einer Wolke. Peter und Paul starrten ihm mit offenen Mündern nach, bis ihnen jemand von hinten auf die Schultern tippte. Da standen zwei Gestalten in weißen T-Shirts mit der Aufschrift „beer angels“.
„Ihr Suffköppe“, sagten sie, „Warum steht ihr hier ‘rum und stiert nach oben?
Ufo Der da kommt genau so wieder, wie ihr ihn habt wegfliegen sehen.“
Peter und Paul schworen fortan Stein und Bein, dass sie auf der Stelle nüchtern geworden seien. Dennoch glaubte ihnen keiner.

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Falls Du glaubst, Denken und Glauben schlössen einander nicht aus, bedenke deinen Glauben! Es gibt keine Götter – Gott sei Dank. Glaube ist der Sieg des Wunschdenkens über die Vernunft. Allein mit diesen drei harmlosen Sätzen errege ich gewiß bei vielen von euch Anstoß – und das nach über zweihundert Jahren Aufklärung! Aber Anstoß erregen heißt auch etwas anzustoßen. Und genau das möchte ich: ein wenig zum Denken, ein wenig zum Zweifeln.
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