Heilige Geister

Von oben her uns sende
Den Geist, den edlen Gast;
Der stärket uns behende,
wenn uns drückt Kreuzeslast.

(Ev. Kirchengesangbuch 129)

Pfingsten sind die Geschenke am geringsten,

(Bildquelle: Wikipedia)

bemerkte Bertolt Brecht, und so gibt es denn auch zum dritten großen vom Christentum okkupierten Fest weder ein süßes Baby noch eine gewaltige Action mit Auferstehung sondern nur ein wenig Geist, den man überdies schwer zu fassen kriegt – die Funkfernsteuerung für Gottes Aktivisten gewissermaßen (Dann sah man etwas wie Feuer, das sich zerteilte, und auf jeden von ihnen ließ sich eine Flammenzunge nieder. Apg 2; 3).
Oder hatten etwa die Spötter Recht (Andere machten sich darüber lustig und meinten: „Die Leute sind doch betrunken!“ Apg 2; 13), und spiritus sancti wäre identisch mit spiritus vinae? Eher wohl nicht, denn trotz seiner berauschenden Wirkung wäre letzterer kaum in der Lage gewesen, künftig so viel Unheil anzurichten. Auf der Stelle gingen die Apostel daran zu agitieren und zu missionieren (Viele…ließen sich taufen. Etwa dreitausend Menschen führte der Herr an diesem Tag der Gemeinde zu. Apg 2; 41). Und natürlich huldigten sie umgehend ihrem Gott (Sie priesen Gott und wurden vom ganzen Volk geachtet. Der Herr führte ihnen jeden Tag weitere Menschen zu, die er retten wollte. Apg 2; 47) Hoppla: Nur die, die er retten wollte? Also doch kein freier Wille – aber das ist schon wieder ein anderes Thema.
Nun, mindestens für die nächsten zweitausend Jahre gab dieser Heilige Geist vor, Gutes zu wollen und war doch nur dazu angetan, das geistige Leben in gewissen dogmatischen Grenzen zu halten, oft genug gegen Vernunft und Menschlichkeit, und durchaus auch mit weniger geistigen Mitteln und Methoden, wenn er’s für nötig hielt. Einzig der Menschen zuweilen rebellische Natur sorgte dafür, dass ihm das nicht durchweg gelang.

Was machen wir zu Pfingsten,
wenn die Wiesenblumen blüh’n?
Wir fahren nach Karl-Marx-Stadt
über Autobahn und Schien‘.

(Oktoberclub 1967)

Pfingsten sind die Geschenke am geringsten,

(Bildquelle: Wikipedia)

sagte sich wohl auch die Führung jener nicht ganz so allmächtigen Partei, die aber gleichfalls immer Recht hatte, da läßt sich die Jugend am ehesten von zu Hause fort zu einem fröhlichen Propagandatreffen locken. Und so versuchte sie ihrerseits, ein bestehendes Fest, das sich schlecht abschaffen ließ, für ihre Zwecke umzufunktionieren. Freilich, so nachhaltig wie der Kirche gelang es ihr nicht – was sind schon vierzig gegen zweitausend Jahre?
Aber vom Schauwert her übertraf es die klägliche Veranstaltung in Jerusalem bei weitem:
Auf machtvollen Manifestationen (DDR – unser Vaterland, DDR – unser Vaterland!) und grausligen Fackelzügen unseligen Angedenkens goß man kübelweise den heiligen revolutionären marxengelsleninschen Geist über den erhofften kommunistischen Jungaktivisten (Wir sind die junge Garde des Proletariats…) aus. Und das nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder.
Um den Veranstaltern und Teilnehmern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Das fröhliche Beisammensein diente nicht allein dem hehren Ziel der Funkfernsteuerung und der Huldigung der Götter von Partei- und Staatsführung – nein, auch die Lebensfreude kam nicht zu kurz, was sich damals noch durchaus positiv auf die Geburtenrate auswirkte, und der spiritus vinae war auch hier im Bunde mit dem spiritus sancti revolutii.
Aber obwohl letzterer unermüdlich vorgab, das Beste für die Menschheit zu wollen, war er doch nur dazu angetan, das geistige Leben in den Grenzen gewisser Dogmen zu halten, oft genug gegen Vernunft und Menschlichkeit und durchaus auch mit weniger geistigen Mitteln und Methoden, wenn er’s für nötig hielt. Einzig der Menschen zuweilen rebellische Natur sorgte dafür, dass ihm das nicht durchweg gelang. Zum Glück gibt es ihn ja nicht mehr. Oder doch?

Oh, wären wir doch von allen bösen Geistern verlassen!

(Bibelzitate nach: Die Bibel in heutigem Deutsch, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart 1982)

1 Response to “Heilige Geister”


  1. 1 Linus Heilig Mai 18, 2010 um 7:44 am

    „Pfingsten sind die Geschenke am geringsten!“
    Im übertragenen Sinne Gedanken(frei?). Der Spruch war mir neu, der Tag ist gerettet.

    „Zum Glück gibt es ihn ja nicht mehr. Oder doch?“
    FJ Degenhardt:
    Oft hat man sie schon totgesagt doch,
    im Innern des Landes, da leben sie noch.

    Bis auf die Verunglimpfung meines Namensvetters ist der Artikel richtungsweisend für rechts und links.


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