„Entmachtung Gottes“

Als Gastbeitrag hier ein Kommentar meines Freundes Lars Habermann zur derzeit im Vatikan stattfindenden „Bischofs-Synode zur Situation der Kirchen im Nahen Osten„:

Der Kirche wird der Spiegel vorgehalten und sie merkt es nicht!

Das Christentum hat ohne Zweifel große Kulturgüter geschaffen. Das ist allerdings kein Grund, über deren nicht minder große Schattenseiten hinwegzusehen. Jeder weiss es: Die römisch-katholische Kirche unterwarf, vertrieb und tötete Andersgläubige im Namen Gottes zum eigenen Machtaufbau und das während Jahrhunderten. Jetzt, da andere Religionen, insbesondere Vertreter des Islam, diese Strategie der Gewalt im Namen Gottes ebenso anwenden, warnt der Papst vor falschen Götzen und Terrorismus und spricht von der „Entmachtung Gottes“. Das ist dreist. Das muss man sich einmal vorstellen. Die römisch-katholische Kirche ist die letzte Instanz, die Gewaltanwendung im Namen Gottes verurteilen kann, will sie nicht ihre Glaubwürdigkeit vollends verlieren und sich zudem der Lächerlichkeit preisgeben. Mit ihrer gewalttägigen Vergangenheit hat sie zum heutigen Zeitpunkt jedes Recht zur Kritik anderer Religionen verwirkt. Wenn jemand Gott entmachtet hat – so es ihn überhaupt gibt – dann hat es die (christliche) Kirche selbst längst getan.

Die Kirche manövriert sich wohl in ihre größte selbstverschuldete Krise. Solange ihr Blick weiterhin selbstherrlich nur verurteilend nach außen gerichtet ist, solange sie ihre Selbstverantwortung nicht erkennt oder leugnet, schadet sie sich und verliert noch mehr Gläubige. Selbstkritisches und selbstverantwortliches Handeln gilt für alle, auch für Konfessionsfreie, die für eine wissenschaftlich-humanistische Weltanschauung einstehen. Das ist ihre Chance. Konfessionsfreie müssen ihre hohe gesellschaftliche Verantwortung erkennen und vermehrt wahrnehmen. Kirchenaustritt, Aufarbeitung und Aufklärung religiöser Irrlehren und -behauptungen sind wichtige Schritte. Die nicht enden wollenden kirchlichen Vorwürfe, gesellschaftlich unerwünschte Entwicklungen seien Folge der „Verweltlichung“, sind kritisch zu würdigen und nötigenfalls als mangelnde Bereitschaft der Kirche, das eigene Mitverschulden einzugestehen, zu entlarven. Das dürfte mit der Zeit Funktion und Bedeutung von Religion als solche in einer multikulturellen Gesellschaft neu definieren. Vielleicht braucht es vor der vollständigen Trennung von Kirche und Staat eine klarere Darstellung, dass Religion, will sie Wertvorstellungen normativ beeinflussen, und Kirche als gewalttätiger absolutistischer Machtapparat unvereinbar sind.

siehe auch: Neuevangelisierung SPIEGEL online, WELT online

Anmerkung des dubitators:

Eine naive Frage an Herrn Dr. theol. Ratzinger, die höchste Instanz in christlichen Glaubensfragen:

Entmachtung Gottes? Wer wäre in der Lage, den allmächtigen Gott zu entmachten? Lassen Sie damit nicht den Umkehrschluß zu, dass Gott allein in menschlichen Köpfen und sonst nirgendwo existiert?

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