Hilfe, Jesus liebt mich!

Ein Englein mochte herabgeschwebt sein, um mir diese Botschaft in den Briefkasten zu mogeln:

Karte "Jesus liebt dich."

Hm. Mit Liebeserklärungen ist es ja so eine Sache: Man sollte sie schon ernst nehmen und den Werbenden nicht über Gebühr auf die Folter spannen. Selbst ein handfester Korb ist einfach nur ehrlich und allemal leichter zu verschmerzen als quälende Ungewissheit.
Du hast mich zwar nicht direkt angesprochen, sondern, wie es so deine Art ist, die frohe Botschaft ausrichten lassen. Doch doch, ich habe dafür Verständnis, denn ich kenne solche Schüchternheit aus meiner pubertären Phase. Als ich mir endlich ein Herz fasste, hatte die Angebetete längst einen Andern. Deshalb möchte ich lieber von Mann zu Mann mit dir sprechen. Für solch intime Fragen wie die Liebe finde ich das angemessener.
Meiner Natur nach schätze ich es zwar mehr, von Frauen geliebt zu werden – aber du bist ja meines Wissens ein Gott und am Ende gar geschlechtsneutral?
Da du nicht von Angesicht zu Angesicht kommunizierst, kann ich mich, um die näheren Beweggründe deiner Liebe zu erfahren, leider nur auf deine vor knapp zweitausend Jahren überlieferten Worte stützen. Ein belesener Nachbar lieh mir zu diesem Zwecke seine alte Luther-Bibel und zeigte mir die Stelle, wo du auf dem Berge zu einer größeren Menge Volkes sprichst (Matthäus 5):

Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihr.
Es mag unbescheiden klingen, aber zu den geistig Armen mag ich mich nicht so recht zählen. Also wird’s von daher nichts mit der Seligkeit. Andererseits erhebe ich keinerlei Anspruch auf das ganze Himmelreich, allenfalls gelegentlich auf das schlesische. Liebst du mich trotzdem?
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
Um ganz ehrlich zu sein: Es ist mir lieber, nicht zu leiden als getröstet zu werden. Und sollte ich leiden, warum willst du mich nur trösten anstatt mein Leiden zu beenden? Oder steht das etwa gar nicht in deiner Macht?
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
Ach was? Das hat sich in den vergangenen zweitausend Jahren aber offenbar noch nicht herumgesprochen. Bisher gehört die Erde genau denen, die oder deren Vorfahren sich ihrer mit Gewalt bemächtigten. Die Sanftmütigen wurden allenfalls dazu verdonnert, sich jenen zu unterwerfen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Ah ja. Hier taucht endlich eine Chance auf zur Glückseligkeit, denn wen dürstete nicht nach himmlischer Gerechtigkeit angesichts der irdischen Ungerechtigkeit weit und breit? Nur fürchte ich, da ja im Himmel derselbe Gott regiert wie also auch auf Erden, dass es auch dort mit der Gerechtigkeit Probleme geben könnte, zumal die Interessenlage der vielen, vielen Seelen, die sich dort versammeln, gewiss sehr unterschiedlich sein dürfte.
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Wo’s mit der Gerechtigkeit hapert, braucht’s umso mehr Barmherzigkeit, das leuchtet mir ein. Dennoch setze ich mich lieber für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ein, auf dass die Barmherzigkeit eines Tages überflüssig werde. Hättest du das vor zweitausend Jahren schon getan, wären wir heute vielleicht sogar schon so weit. Übrigens ist mir als Belohnung eine ehrliche Anerkennung lieber als bloße Barmherzigkeit.
Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
Da ist’s schon wieder aus: Wer kann denn von sich behaupten, reinen Herzens zu sein, da wir doch gerade in deinen Augen alle Sünder sind? Obwohl, auf den Anblick, der so überaus glücklich machen soll, wäre ich schon gespannt.
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Was ist mit all den friedfertigen Gotteskindern, die in den letzten zweitausend Jahren auf einander ebenso losgingen wie auf Anders- und Ungläubige? Sie dürften demzufolge zu den Unseligen zählen. Warum zerfallen dann aber beispielsweise ihre von Menschen errichteten Standbilder nicht zu Staub?
Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das Himmelreich ist ihr.
Schon wieder diese ominöse Gerechtigkeit. Der Henkersknecht meinte der allerhöchsten Gerechtigkeit zu dienen, als er die der Hexerei angeklagte Frau so lange folterte, bis sie ihre Verbindung mit dem Satan gestand. Ihr dürfte klar gewesen sein, dass ihr keine Gerechtigkeit widerfuhr. Mittels Feuertod wurde ihre Seele gereinigt und konnte zum Himmel aufsteigen. Im Himmelreich begegneten sich demnach beider Seelen wieder. Oh weh!
Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, so sie daran lügen.
Dass jemand mich um deinetwillen schmähen oder verfolgen könnte setzt voraus, dass ich in deinem Sinne missionierte. Diese Gefahr bestünde allenfalls, nachdem ich dein Liebesangebot erwiderte. Vergegenwärtige ich mir aber, in welcher Weise solche Missionen bisher oft stattfanden, sage ich mir: Auf diesem Wege physischer und psychischer Gewalt suche ich mein Glück lieber nicht.
Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel wohl belohnt werden.
Weshalb kommen mir jetzt siebenundzwanzig Jungfrauen in den Sinn?

Tja, mit der Seligkeit ist es bei mir offensichtlich nicht weit her. Ich hab sie allerdings bisher auch kaum vermisst. Das kleine Glücksgefühl nach einer guten Tat für den einen oder die andere meiner Mitmenschen hat mir bisher eigentlich immer ausgereicht. Aber vielleicht liebst du ja in deiner göttlichen Größe und deiner unermesslichen Güte die Seligen wie die Unseligen gleichermaßen? Wie heißt es noch in dem frommen Lied, das ich gelegentlich auf Beerdigungen hörte: So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende… Aber der Gedanke, durch deine Liebe fortan nicht mehr selbst über meinen Lebensweg bestimmen zu können, ängstigt mich ehrlich gesagt.

Aber lass uns schauen, was du uns noch Liebes zu sagen hast:
Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnet, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Racha! der ist des Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr! der ist des höllischen Feuers schuldig.
Höllenfeuer, ewig währendes Höllenfeuer? Nur weil ich vielleicht meinen Bruder mal einen Narren geschimpft habe, als er Närrisches von mir verlangte? Das sind mir ja liebevolle Aussichten! Da wäre ja der fein raus, der keinen Bruder hat.
Sei willfährig deinem Widersacher bald, dieweil du noch bei ihm auf dem Wege bist, auf daß dich der Widersacher nicht dermaleinst überantworte dem Richter, und der Richter überantworte dich dem Diener, und wirst in den Kerker geworfen. Ich sage dir wahrlich: Du wirst nicht von dannen herauskommen, bis du auch den letzten Heller bezahlest.
Noch so eine Drohung. Soll ich mir vielleicht alles gefallen lassen, nur um dir zu gefallen?
Ich aber sage euch: Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.
Tut mir leid, mein lieber, du magst ja mit Frauen nicht allzu viel im Sinne gehabt haben, ich aber bin ein Mann und genieße es, begehrenswerte Frauen wohlgefällig zu betrachten. Das einzige Wesen, das ein gewisses Recht hätte, mir dafür vors Schienbein zu treten, wäre meine geliebte Frau. Tut sie aber nicht, denn sie kennt sich mit der menschlichen Biologie ein wenig besser aus.
Ärgert dich aber dein rechtes Auge, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist dir besser, daß eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.
Ärgert dich deine rechte Hand, so haue sie ab und wirf sie von dir. Es ist dir besser, daß eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.
Jetzt wird’s finster. Erneut drohst du mir mit ewigen Höllenqualen, weil ich vielleicht mal mit einer Nachbarin geflirtet oder sie an der Hüfte getätschelt habe und nicht bereit bin, deshalb fortan als Krüppel einherzugehen.
Ich aber sage euch: Wer sich von seinem Weibe scheidet (es sei denn um Ehebruch), der macht, daß sie die Ehe bricht; und wer eine Abgeschiedene freit, der bricht die Ehe.
Nun ist’s ganz aus: Einst ließ ich mich scheiden von der Mutter meiner Kinder – die Gründe tun hier nichts zur Sache – und heiratete später eine geschiedene Familie. Oh oh oh!
Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern, so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar.
Und so jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel.
Nanu, diese edle Haltung hatten wir doch ein Stückchen weiter oben schon mal. Ich fürchte, hier verlangst du abermals ein bisschen viel von mir. Andererseits kenne ich keinen, der dieses beherzigen würde, schon gar nicht unter den Frommen.
Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.
Tut mir leid, Jesus, dass ich deinen merkwürdigen moralischen Ansprüchen nicht gerecht werden kann – nein, genau genommen tut’s mir überhaupt nicht leid. Lieber bleibe ich ein Mensch mit natürlichen Bedürfnissen und Freuden, die du Sünden nennst, als dir zuliebe zum Neurotiker zu werden.

Oh Jesus, ich fürchte, ich Undankbarer habe deine Liebe weder verdient noch kann ich sie erwidern.
Also schreibe ich auf die Rückseite deiner Karte meine Antwort:

Karte "Schall und Rauch"

Und wohin jetzt damit? Vielleicht ans Postamt Himmelpfort? Ach nein, da residiert ja nur dein Kollege, der Saisonarbeiter, den wir so lieben, weil er uns alle Jahre wieder an deinem Geburtstag so reich mit irdischem Tand und Talmi beschenkt. Überhaupt muss ich einen Postweg nutzen, auf dem nicht womöglich irgendeine untergeordnete Knallcharge meine Nachricht unterschlägt oder verfälscht. Man weiß schließlich zur Genüge, wie es in den Hierarchien so zugeht.
Schall und Rauch… Aber ja doch – dass ich nicht gleich darauf gekommen bin! Immerhin hat sich dieser Kommunikationsweg bei unseren Vorfahren über Jahrtausende bewährt, ganz ohne Internet und Radiowellen: Das Brandopfer:

brennende Karte

Der Rauch wird meine Antwort direkt zu dir tragen.

Ich liebe euch doch alle.
Wo habe ich das bloß schon mal gehört?

4 Responses to “Hilfe, Jesus liebt mich!”


  1. 1 Linus Heilig Oktober 21, 2010 um 5:26 pm

    Des Kaisers neue (jesusselige) Kleider, auf wunderbare Weise entblößt. Noch einer der alle liebte, Kaiser Willhelm II. Ihm verdanken wir die Seligpreisungen in der Kuppel des Berliner Doms. Noch heute allen Politikern zu täglichen Erbauung anempfohlen. Mein Favorit, „selig die Armen im Geiste“ als Lobpreisung des autoritätsgläubigen Kadavergehorsams, natürlich aus Liebe.

  2. 2 manu Oktober 28, 2010 um 2:09 am

    du siehst das alles leider verkehrt es ist schade du verpasst soviel echte liebe und du weisst leider nicht was liebe ist so wie ich das hier rauslesen kann. Wuensche mir dass du jesus und die echte liebe richtig kennenlernst. Liebe gruesse

  3. 3 dubiator Oktober 28, 2010 um 7:45 am

    Tja, manu, das ist eben das Tolle am Glauben, dass der Gläubige immer genau weiß, dass der Andere alles verkehrt sieht und was dem Anderen alles fehlt. Deshalb drängt es den Gläubigen, weil er den Anderen ja auch liebt und ihn an seiner Gewißheit teilhaben lassen will, den Anderen zu missionieren – und das ist dann leider die Quelle der Intoleranz.
    Wo könnte ich denn Jesus richtig kennenlernen, außer anhand seiner bruchstückhaft und widersprüchlich überlieferten Worte im NT? Etwa anhand der ebenso widersprüchlichen Auslegungen von Berufsgläubigen der verschiedenen Konfessionen und Glaubensgemeinschaften? Oder sollte ich einfach an dem Jesusbildchen festhalten, das man mir einst als kleines Kind eintrichterte?
    Dein Glaube sei Dir selbstverständlich unbenommen, Zweifel können schmerzen, verleihen jedoch oft Flügel.
    Liebe Grüsse zurück.
    P.S.: Ich freue mich, dass hier mal jemand kommentiert, der meine Auffassung nicht teilt.

  4. 4 dinuma November 22, 2010 um 12:36 pm

    Die Logik der Christen: wer die Liebe Jesu nicht will, braucht sie umso mehr! Christen haben aus dem Begriff Liebe eine vollkommen bedeutungslose Worthülse gemacht, mehr noch: sie haben ihn pervertiert und dermassen verzerrt, dass Liebe und Hass nahtlos ineinander übergehen.


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