Zehn Steinzeit-Gebote

Die Zehn Gebote haben ewige Gültigkeit. So lautet das Credo derer, die diesen Moralkodex eines nomadisierenden Hirtenvolkes aus grauer Vorzeit für eine geeignete Ethik unserer heutigen hochtechnisierten und kulturell durchwachsenen Gesellschaft halten.
Nun, inwieweit sie überhaupt noch gelten oder in Zukunft gelten werden, sei dahingestellt. Dass sie aber bereits wesentlich länger bekannt sind als die Fassung, die Mose seinerzeit auf zwei längst verschollenen Steintafeln vorlegte, konnte kürzlich durch einen geradezu sensationellen archäologischen Fund nachgewiesen werden:
In einer bislang unerforschten Höhle im Mäandertal in Südfrankreich, unweit der berühmten Höhle von Lascaux, stieß ein junges Archäologenteam unter der Leitung der Kulturwissenschaftlerin Dr. Jeanne d’Arche auf eine Reihe von Felszeichnungen, deren Anordnung und Darstellungsweise kaum einen anderen Schluß zulassen: Es handelt sich um zehn strikte Anweisungen eines Sippenältesten an seine Männer. Die Untersuchung des an den Höhlenwänden vorgefundenen Rußes sowie einiger organischer Farbreste mittels C14-Methode ergab ein Mindestalter der urzeitlichen Graffiti von etwa zwölftausend Jahren.
„Ein exakter Wortlaut läßt sich aus den überraschend gut erhaltenen Zeichen und Zeichnungen naturgemäß nicht ableiten“, so die siebenunddreißigjährige Archäologin im Fachblatt Glaube und Seligkeit, „wir konnten jedoch eine Textfassung rekonstruieren, die dem Duktus der archaischen Ausdrucksweise möglichst nahekommt. Ja, aufgrund von glücklicherweise überlieferten und bis heute gebräuchlichen Sprachrudimenten ist so etwas durchaus möglich. Zur Illustration fügen wir einige, der besseren Erkennbarkeit wegen digital aufbereitete, Aufnahmen der besagten Darstellungen bei.“

Über ihm dräute eine finstere Wolke am Himmel, als der Alphamann der Sippe zu seiner Ansprache anhob:

1. Schnauze jetzt und herhören! Hier bin ich der Chef! Ich weiß wo’s langgeht und wo die Antilopen und Büffelherden sind. Wehe wem‘s einfällt, ‘nem anderen Typen hinterher zu rennen! Wenn er nicht vorher schon verhungert ist, mach ich den kalt, verstanden? Und seine Söhne und Enkel gleich mit! Jawohl, ich bin eifersüchtig!

2. Hier heißt nur einer Chef, und das bin ich! Wer versucht, mich zu verarschen oder hier rumlästert oder mir beim Fährtensuchen reinquatscht, dem schmetter ich eine, dass er ‘ne Woche ächzend auf seinem Bärenfell zubringt.

3. Wenn wir sechs Tage am Stück, sagen wir mal ‘nem Bison hinterhergehirscht sind, ist Pumpe, klar? Da wird nichts als abgehängt und gepennt! Die Weiber sollen die Klappe halten und ihr schnarcht gefälligst nicht so laut!

4. Eure Alten, wenn sie nicht mehr krauchen können, werden anständig versorgt und gepflegt. Und wenn sie dann ins Gras gebissen haben, werden sie erst recht geehrt. Schließlich kann man nie wissen, was die nach ihrem Tode mit uns anstellen, falls sie unzufrieden sind.

5. Macht euch nicht gegenseitig kalt, wir sind nicht so viele!  Laßt euern Dampf bei der Jagd ab oder wenns gegen fremde Horden geht.

6. Wenn einer ‘n Weib hat, dann gehört das ihm. Mit der hat dann keiner mehr rumzumachen! Keilerei innerhalb der Truppe macht jagdunfähig.

7. Klaut euch nicht dauernd die Pilze, die Äppel und die Fleischbatzen! Hier verteile ich, und was einer hat, das frisst er!

8. Behauptet bloß nicht, es hätte einer Fleisch geklaut, mit ‘nem Weib gepennt oder die Antilope verfehlt, wenn das nicht stimmt!

9. Und seid nicht scharf auf das Weib des Anderen, auf seinen Speer, sein Steak oder seinen Faustkeil…

10. …oder gar auf sein Bärenfell! Ich mach euch zur Minna! So, das war’s. Diskutiert wird hier nicht. Schnauze!


Den Zeitpunkt seiner Rede hatte er clever gewählt, denn auf den Punkt brach das Gewitter los. Es blitzte, krachte und donnerte, dass die Horde schlotternd in ihre Höhle stürmte, wo sie der Schamane beschwichtigte: „Könnt ihr mal sehen: Der Chef gebietet zuweilen über den Himmel. Solltet ruhig vor ihm zittern! Aber wenn ihr euch an das haltet, was er gesagt hat, tut er euch nichts.“

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




Anstößige Denk-Anstöße

Falls Du glaubst, Denken und Glauben schlössen einander nicht aus, bedenke deinen Glauben! Es gibt keine Götter – Gott sei Dank. Glaube ist der Sieg des Wunschdenkens über die Vernunft. Allein mit diesen drei harmlosen Sätzen errege ich gewiß bei vielen von euch Anstoß – und das nach über zweihundert Jahren Aufklärung! Aber Anstoß erregen heißt auch etwas anzustoßen. Und genau das möchte ich: ein wenig zum Denken, ein wenig zum Zweifeln.
November 2010
M D M D F S S
« Okt   Dez »
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
2930  

Top-Klicks

  • Keine

Enter your email address to follow this blog and receive notifications of new posts by email.


%d Bloggern gefällt das: