Weihnachts-Plädoyer


Was feiert ein Atheist zu Weihnachten?
Gegenfrage: Was feiert ein Christ zu Weihnachten? Begeht er tatsächlich den Geburtstag eines Gottessohnes, dessen historische Existenz nicht belegt ist geschweige denn sein Geburtsdatum? Oder feiert er nicht eher, so es ihm vergönnt ist, das kuschelige Zusammensein in der Familie bei Müller-Thurgau und Gänsebraten, gepaart mit der Freude darüber, dass die Tage nun wieder länger werden? Und denkt er nicht beim Beschenken seiner Lieben allenfalls noch an Gold, jedoch wohl kaum an Weihrauch oder Myrrhe?
Die Kirchenoberen mögen es bedauern, dass das Weihnachtsfest mehr als jedes andere von Folklore und Kommerz okkupiert wurde. Aber haben nicht ihre geistlichen Vorfahren einst im Zuge der Missionierung Europas das Lichterfest, das man nachweislich hier seit Jahrtausenden feierte, noch viel brutaler okkupiert? Spätestens seit für Ackerbauern und Viehzüchter der Sonnenstand existentielle Bedeutung erfuhr, begrüßte man die Wintersonnenwende alljährlich mit Jubel und Tanz.
Überhaupt ist es ein Markenzeichen des erfolgreichen Geschäftsmodells Kirche, sich Volkes Sitten und Bräuche nach Kräften einzuverleiben. Was hat wohl der Fichten-, Kiefern- oder Tannenbaum mit der biblischen Geschichte von Jesu Geburt zu tun? Von einer kerzenbestückten Zypresse ist dort jedenfalls weit und breit nichts zu lesen. Dennoch lässt der Pfarrer zur Christmesse gewöhnlich ein Prachtexemplar von immergrünem Nadelbaum als Symbol des Lichtes und des Lebens, das den härtesten Winter überdauert, in seiner Kirche aufstellen. Überhaupt ist verdächtig viel vom Licht die Rede, von hellem Schein und von strahlenden Sternen – seit jeher die unentbehrlichen Fixpunkte menschlicher Orientierung in der Dunkelheit.
Geradezu skurril ist der Wirrwarr um die imaginären Protagonisten des Festes: Welche Beschenkungsfigur mag wohl die gottgefälligste sein? Katholiken scheinen das engelsähnliche Christkind zu favorisieren, das paradoxerweise einst aus Luthers Heiligem Christ hervorging, den er als Gegenmodell zum Heiligen Nikolaus postulierte, da das Glaubensschema seines Protestantismus keinen Platz für Heilige ließ. Dieser Nikolaus wiederum verweltlichte nach und nach zum Weihnachtsmann, heute besonders beliebt in evangelischen Gefilden und, nervtötend in seiner Omnipräsenz, beim mehr oder weniger christlichen Kommerz. Ausgerechnet In den USA, wo dies wahrscheinlich am penetrantesten geschah und wo man einer modernen Legende nach den Coca-Cola-Konzern der Erfindung seines roten Mantels verdächtigt, heißt er noch immer Santa Claus. Der Ur-Nikolaus indessen schleicht nur noch weitgehend ungesehen in der Nacht zum sechsten Dezember herbei, um den Kindern etwas in die Schuhe zu schieben. Dadurch wurde sein Knecht Ruprecht gewissermaßen arbeitslos. Diese Fehlentwicklung bedauert man derzeit in katholischen Kreisen sehr, denn damit befindet sich das Mini-Tribunal aus Nikolaus mit dem Goldenen Buch und Ruprecht mit der Rute, das einst die kleinen Racker Mores lehrte, auf dem Rückzug. Ein böses Beispiel für Sittenverfall durch Religionsverdrängung! Ganz ähnlich erging es übrigens Väterchen Frost, der alternativen Ersatzfigur für all die Vorgenannten. Er versank zusammen mit der pseudoreligiösen sozialistischen Ideologie nahezu vollständig in der Bedeutungslosigkeit. Nun, wohl zu Recht, denn dass der heizkostensteigernde und unfallverursachende Frost ein gütiges Väterchen sein soll erschließt sich halbwegs aufgeweckten Mädchen und Jungen sicherlich ebenso wenig wie die Vorstellung vom geflügelten Christkindlein, das auf seinen schmächtigen Schultern tonnenweise Geschenke herbeibuckelt.
Was spricht eigentlich dagegen, wenn klein Jennifer von Anfang an weiß, dass die Barbie vom Pappi ist, und wenn Paulchen anstatt dem falschbärtigen Weihnachtsmann der Oma ein Dankesküsschen aufdrückt für die schöne neue Wii?
Sind nicht auch fromme Lügen Lügen? Besonders die, und besonders gegenüber Kindern, die uneingeschränktes Vertrauen zu uns haben?
Wie wär‘s, wenn wir all den Kitsch beiseite schöben, den kommerziellen ebenso wie den religiösen, und gemeinsam anläßlich der zunehmenden Helligkeit ein glaubensunabhängiges Fest der Liebe, des Miteinanders und des Friedens feierten, jeder mit den Bräuchen und den Speisen, die ihm am besten schmecken? Ginge der Zauber der Weihnacht dann verloren?
Möge uns ein Licht aufgehen in dieser kalten Zeit.

Licht im Schnee

Das Lichtfest gibt es auch in unserer Zeit und Menschen, die es feiern: Human Light.

Das Wesen von Spiritualität, Religiosität usw., die ja besonders in der Weihnachtszeit verstärkt über uns kommen, wird sehr klar definiert in dem Buch Die Logik der Nicht-Logik von A. Kilian.

4 Responses to “Weihnachts-Plädoyer”


  1. 1 yerainbow Dezember 9, 2010 um 9:32 am

    Schöner Beitrag.
    Nur in einem liegst du nicht so ganz richtig.
    Großväterchen Frost (in Begleitung vom Schneemädchen… einem präpubertären Begleitgeschöpf) sind im russischen noch immer ziemlich aktuell, wenn auch eher folkloristisch.
    Wer russisch gelernt hat im ostblock, kennt die beiden. ich erinnere mich, ich habe sogar ein entsprechendes russisches Weihnachtslied gelernt, krieg es aber nicht mehr zusammen.

    Keine Ahnung, ob väterchen Frost auch sowas wie einen heiligenstatus gehabt haben muß. Da hat die wiederestarkende orthodxe Kirche doch auch ausreichend andere (habs vor Ort gesehen, die rutschfahrt direkt zurück ins Mittelalter ist dort in vollem gange…)

    und so, wie in den Mittelmeerländern eher die heiligen 3 Könige (6. Januar) gefeiert werden, so wird im russischen das Neujahr gefeiert. Weihnachten eher nicht so.

    • 2 dubiator Dezember 9, 2010 um 9:57 am

      Danke für Deinen ausführlichen Kommentar. Das freut mich ehrlich, dass Väterchen Frost noch eine gewisse Rolle spielt (Dass er von einer Christkindl-Analogie begleitet wird wußte ich gar nicht, oder nicht mehr.)und die Orthodoxie in Rußland noch nicht alles unter sich begraben konnte.
      Und wie du sagst: Folklore. Weihnachten, Noel, X-mas, Jolkafest, Dreikönigstag … es ist in erster Linie Folklore – weltweit, die sich letzten Endes auf das Lichtfest zurückführen läßt. Also: Wer hat’s erfunden? Eben nicht die Kirche!

  2. 3 yerainbow Dezember 9, 2010 um 10:27 am

    Natürlich hats nicht das Christentum erfunden…😉

    die haben sich vor 2tsd jahren mit ganz anderen ideen geplagt…
    Und die geburt jesu wurde ja auch erst nach ein paar jahrhunderten auf dem 25. 12. gelegt, aus ganz praktischen Gründen… (muß nochmal nachlesen, dann kann ich es belegen).

    Aber das Schneemädchen ist eher keine Christkindl-analogie. Sondern geht aus einer anderen folkloristischen quelle hervor. Nicht göttlich, sondern ganz menschlich.
    Gibt da noch immer dieses alte russische Märchen, in dem ein Mädchen von ihrer Stiefmutter in den Frost geschickt wurde, damit sie endlich weg ist.
    und Väterchen Frost wird sozusagen ihr Zievater, obwohl er sie auch erst wegjagen will, der alte Brummbär.
    Aber sie ist einfach ein freundliches Menschenkind und erwärmt sien Herz ein wenig😉

    eigentlich eine ganz unchristliche Geschichte…😉
    keine triefende Moral, die man draus hervorzaubern könnte (nicht wie die mit dem geteilten Mantel bei St. martin, als Vergleich).


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