Heine und der Dom zu Köllen

aus: Heinrich Heine: Deutschland – Ein Wintermärchen, Caput IV,
geschrieben vor über einhundertfünfzig Jahren und so aktuell wie einst,
dem Herrn Erzbischof ins Stammbuch:


Ja, hier hat einst die Klerisei
Ihr frommes Wesen getrieben,
Hier haben die Dunkelmänner geherrscht,
Die Ulrich von Hutten beschrieben.

Die Flamme des Scheiterhaufens hat hier
Bücher und Menschen verschlungen;
Die Glocken wurden geläutet dabei
Und Kyrie eleison gesungen.

Dummheit und Bosheit buhlten hier
Gleich Hunden auf freier Gasse;
Die Enkelbrut erkennt man noch heut
An ihrem Glaubenshasse. –

Kölner Dom am Abend - 2 / ©Michael Kraemer/pixelio.de

Doch siehe! Dort im Mondenschein
Den kolossalen Gesellen!
Er ragt verteufelt schwarz empor,
Das ist der Dom von Köllen.

Er sollte des Geistes Bastille sein,
Und die listigen Römlinge dachten:
In diesem Riesenkerker wird
Die deutsche Vernunft verschmachten!

O törichter Wahn! Vergebens wird
Geschüttelt der Klingelbeutel,
Gebettelt bei Ketzern und Juden sogar;
Ist alles fruchtlos und eitel.

Er wird nicht vollendet, trotz allem Geschrei
Der Raben und der Eulen,
Die, altertümlich gesinnt, so gern
In hohen Kirchtürmen weilen.

Georg Schirges in einer Rezension zu Heines Versepos im Telegraph für Deutschland, 23.10.1844:

Deutschland ist kein Strom voll Blüten und lustigen Wellenspiels, kein Rosenhimmel, ist kein warmer Sommernachtstraum; – ist ein Fluß voll zähen Treibeises, ein Himmel voll frostigen Schneegestöbers, ist ein kaltes, trübes Wintermärchen.

(Zitiert nach: Heinrich Heine: Deutschland – Ein Wintermärchen, Reclam-Universalbibliothek Nr. 2253, Stuttgart 1979)

1 Response to “Heine und der Dom zu Köllen”


  1. 1 Maximo Grammatica Mai 8, 2011 um 7:20 pm

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Anstößige Denk-Anstöße

Falls Du glaubst, Denken und Glauben schlössen einander nicht aus, bedenke deinen Glauben! Es gibt keine Götter – Gott sei Dank. Glaube ist der Sieg des Wunschdenkens über die Vernunft. Allein mit diesen drei harmlosen Sätzen errege ich gewiß bei vielen von euch Anstoß – und das nach über zweihundert Jahren Aufklärung! Aber Anstoß erregen heißt auch etwas anzustoßen. Und genau das möchte ich: ein wenig zum Denken, ein wenig zum Zweifeln.
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