Schäfchen zählen

Inmitten der lieblichen brandenburgischen Gefilde mit ihren Seen und Wäldern, ihren Weiden und sandigen Heideflächen lebte dereinst der Schäfer Gottlieb mit seinem treuen Schäferhunde Rex. Sie nannten eine beachtliche Herde ihr Eigen, die Gottlieb zu den Weideflächen und zur Tränke führte und die Rex mittels seiner drohend gefletschten Zähne zuverlässig beieinander hielt. Gottlieb schor die Tiere regelmäßig, verkaufte ihre Wolle zu einem guten Preis, und an so manchem Sonn- und Feiertag kam es schon mal vor, dass er einem zarten Lämmlein das Fell gänzlich über die Ohren zog. Gottlieb ließ sich den Braten schmecken und für Rex fielen etliche saftige Knochen ab. So sorgten sie für sich im gleichen Geiste und hatten beide ein gutes Auskommen.
Jeden Abend zählte Gottlieb seine Schäfchen, aber da sie durcheinander wimmelten und er gelegentlich dabei einschlief, kannte er ihre Zahl nie so ganz genau. Das war nicht weiter schlimm, denn über lange Jahre blieb die Herde etwa gleich groß. Eines grauen Tages jedoch wurde Gottlieb den Eindruck nicht los, die Zahl seiner Tiere habe abgenommen. So zählte er fortan genauer und siehe da: Von Woche zu Woche musste ihm wohl des Nachts das eine um das andere Schäfchen ausgebüxt sein. Offenbar waren sie nicht mehr so lammfromm, wie sie hätten sein sollen. Der Schäfer sah sich zu einer Predigt genötigt:
„Meine lieben Schäfchen“, so sprach er in salbungsvollem Tone und mit dem sanftesten Blick, der ihm zur Verfügung stand, „ihr habt in unserer Mitte alles was ihr zum Leben braucht: Ich führe euch täglich zur frischen Quelle und auf die Weide…“
„Ja, zur kärglichsten Heide weit und breit“, maulte Schaf Dissy, gerade so laut, dass es die umstehenden Artgenossinnen hören konnten.
„…und der gute Rex schützt euch vor den bösen Wölfen.“
„Mir hat er schon dreimal in den Schwanz gebissen, der Sauhund“, kommentierte Dissy.
„Und so gibt es wohl keinen Grund“, fuhr der Schäfer mit anschwellender Stimme fort, „die Geborgenheit unserer kleinen Gemeinde zu verlassen und sich wie ein Dieb des Nachts davonzustehlen!“ Die letzten Worte donnerte er geradezu über die Flur.
„Morgen bin ich auch weg“, flüsterte Dissy ihrer Nachbarin zu, „kommst du mit?“
„Ich kann euch nur vor der Wildnis warnen“, sprach Gottlieb, nun wieder im Schmeichelton, „ihr würdet darben und euch der hungrigen Wölfe wohl kaum erwehren können. Der gute Rex und ich, wir wollen doch nur euer bestes.“
„Genau“, sagte Dissy, „Wolle und Sonntagsbraten.“
Soviel Gottlieb an den folgenden Abenden auch zählte, es wurden der geduldigen Schafe immer weniger, denn auch der scharfe Rex brauchte in der Nacht wenigstens zwei, drei Stunden Schlaf. Als sie eines Morgens erwachten, waren ihnen schließlich nur noch ein alter Bock und ein paar gebrechliche Großmuttertiere geblieben.
„Oh weh“, jaulte der Hund, „ was mag jetzt aus ihnen werden?“
„Die Frage ist eine ganz andere“, entgegnete Gottlieb und seufzte. „Was wird jetzt aus uns?“
Marx-Zitat
Wer zählt wohl täglich seine Schäfchen,
weil deren Schwund ihm raubt das Schläfchen?

Kirchenaustrittsjahr

2 Responses to “Schäfchen zählen”


  1. 1 Linus Heilig Mai 17, 2011 um 10:11 am

    Was habe ich gelacht, keiner (er)zählt re(a)iner. „Und er gelegentlich dabei einschlief …, ein alter Bock und ein paar gebrechliche Großmuttertiere … was wird jetzt aus uns“

    Hier wird das Dilemma der Einfachen Ethik offensichtlich. Mit dualistischem Denken kommt man da nicht weiter, wie könnte ein fairer Interessensausgleich aussehen? So: http://hpd.de/node/11579

  2. 2 MeMyselfAndEye Januar 23, 2012 um 1:38 pm

    Hallo Gottloser Genosse! Ich hab da mal ne Kurzgeschichte Geschrieben, die ich sehr passend zu deinem Thema finde und würd mich freuen, wenn du darauf verlinkst oder sie bei dir in meinem Namen veröffentlichst.

    http://mal7ehen.wordpress.com/2010/03/15/im-himmel/

    Danke und weiter so!😉


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