Wo zum Teufel ist der liebe Gott?

– Eine Frage, Merkwürden: Wo zum Teufel ist der liebe Gott?
– Versündige dich nicht, mein Sohn!
– Warum nicht? Meine Sünden sind doch Euer täglich Brot, Merkwürden. Apropos: Ist Lüge eine Sünde?
– Aber selbstverständlich, mein Sohn.
– Warum nennt Ihr mich dann Euern Sohn?
– Aah – lassen wir das. Um auf deine Frage nach dem Ort des Herrn zurückzukommen, mein S… ähem. Es steht geschrieben…
– … in Eurer Heiligen Schrift, ich weiß. Doch kann ich da beim besten Willen keinen lieben Gott finden: Im ersten Teil wütet ein egoistischer, eifersüchtiger Diktator, der sich ein Volk auswählt, das er gegen andere Völker hetzt, und im zweiten Teil will sich derselbe Typ mit seinen Geschöpfen versöhnen, wozu er den eigenen Sohn erst bestialisch abschlachten und dann gen Himmel fahren lässt. Diese Figur mythischer Literatur ist eher nicht von der sympathischeren Art. Und was sein Sohn da verzapft, nämlich allen Zweiflern samt und sonders mit ewigen Höllenqualen zu drohen, halte ich weder für tolerant noch für eine frohe Botschaft. Um das alles als Ausdruck von Liebe zu verstehen, muss man wahrscheinlich Theologie studiert haben, nicht wahr, Merkwürden?
– So ist es, mein… äh, die Liebe des Herrn ist grenzenlos. Du solltest diese Dinge in der Bibel mehr symbolisch betrachten.
– Aha – ein symbolischer Gott, der mich symbolisch liebt. Ein Mädel aus meiner alten Klasse liebt mich bis heute symbolisch – hab ich nicht viel von.
– Es stehen aber auch so unendlich viele erbauliche Dinge darin geschrieben…
– Ach – und die sind dann nicht nur symbolisch?
– Du solltest deine Schritte öfter in die Kirche lenken, mei…, die überwältigende Erhabenheit des Gotteshauses sollte dich beeindrucken, sie kündet von Seiner gewaltigen Größe und Seiner Liebe gleichermaßen.
– Merkwürden, wenn mich an diesen Bauten etwas beeindruckt, dann allenfalls der Sachverstand und die Kunstfertigkeit ihrer Erbauer, zumeist einfache Menschen, die ihre Knochen für die ganze Erhabenheit hingehalten haben. Dem lieben Gott begegnete ich dort noch nicht, selbst wenn ich eine Kerze entzündete, um ein wenig Wärme und Licht in die klamme Dämmerung zu bringen. Welcher liebende Vater möchte schon seine Tage in solch einem düsteren, kalten oder protzig überladenen Gemäuer verbringen, dazu ständig seinen am Kreuz leidenden Sohn vor Augen? Gewaltig, überwältigend – diese Worte haben nicht umsonst etwas mit Gewalt zu tun, Merkwürden!
– Ich will dir was sagen, m…, nun: Selbst der große Stürmer, Dränger, Klassiker und Freigeist Friedrich Schiller singt „Brüder, überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen.“ Was hältst du davon?
– Überm Sternenzelt, ja? Merkwürden, hier stößt selbst der gute Schiller an seine Grenzen. Überm Sternenzelt – das bedeutet ja wohl irgendwo hinter all den Sternen, die uns nachts ebenso faszinierend wie gleichgültig anfunkeln. Der gute Schiller konnte noch nicht wissen, wie atemberaubend groß allein das halbwegs sichtbare Universum ist und dass es sich zu allem Überfluss auch noch ständig weiter ausdehnt. Sollte sich dahinter ein höheres Wesen verbergen, dürfte es diesem unmöglich sein, für uns den lieben Vater zu geben, denn meine Gebete könnten ihn schwerlich erreichen, selbst wenn sie sich mit Lichtgeschwindigkeit auf den Weg machten.
– Dir fehlt der Sinn für das Übernatürliche, das Metaphysische. Schiller hat das doch nicht physikalisch gemeint! Das zeigt sich übrigens darin, dass er die Existenz des lieben Vaters nicht einfach behauptet sondern dass er sie mittels des Wörtchens „muss“ postuliert.
– Ihr seid in der Tat ein Meister der Auslegung von Worten, Merkwürden. Schiller postuliert also Gottes Existenz, genauso wie Ihr. Nur: Wer ein Postulat aufstellt sollte sich bemühen, Indizien herbeizuschaffen, die seine Hypothese stützen. Dieses „muss“ drückt für mich nichts als Wunschdenken aus: Ich möchte, dass da einer ist, der die Hand über mich hält, weil mir das in den Kram passt, weil’s mir dann besser geht, verdammt nochmal, da muss doch einer wohnen! Vielleicht wollte der schlaue Schiller sogar uns genau das vor Augen führen, wer weiß.
– Nein, das ist eine Metapher – dafür, dass Gott allgegenwärtig ist in Seiner unermesslichen Schöpfung, in den Sternen da draußen ebenso wie im winzigsten Atom.
– Auch in der kleinen Butterblume hier, Merkwürden?
– Auch in den Blumen, jawohl. Wie könnten sie sonst so schön sein?
– Und in der Ziege da drüben am Pflock?
– Aber ja, Er ist in allen seinen Geschöpfen.
– Und über alle hält er seine schützende Hand?
– Gewiss, mein S…
– Und wenn die Ziege die Butterblume frisst?
– So profan kannst du an die unergründliche Weisheit Seiner Schöpfung nicht herangehen!
– Kann ich nicht?
– Nein. Gott ist in uns allen. Und wenn du glaubst, bist du ihm besonders nahe.
– Hm, Merkwürden, das beginnt mir allmählich einzuleuchten.
– Wie schön, mein Sohn.
– Eure Worte ähneln verdächtig meiner Vermutung, dass es sich beim lieben Gott um ein rein gedankliches Konstrukt handelt. Aber wie kann etwas lieb zu mir sein, das nur in mir selbst ist? Ich betete also, wenn ich es denn täte, zu meiner eigenen Wunschvorstellung. Mit Verlaub, Merkwürden, sowas halte ich für überflüssigen Schwachsinn.
– Du verstockter Ungläubiger geh doch zum T…
– Aber, aber Merkwürden, versündigt Euch nicht! Doch mögt Ihr Recht haben: Der liebe Gott ist längst zum Teufel.

Cartoon: Jacques Tilly; Alibri-Verlag/Denkladen

2 Responses to “Wo zum Teufel ist der liebe Gott?”


  1. 1 Stefan Wehmeier Juni 13, 2011 um 9:16 pm

    „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.“

    Jesus von Nazareth

    Der Glaube ist die Hoffnung, ihn eines Tages durch Wissen ersetzen zu können. Entartet er zum Selbstzweck (Fundamentalismus), wird nicht mehr nach der Wahrheit gesucht und die Fundamentalisten wollen sie gar nicht mehr hören:

    „Der Herr sagte: Ihr habt alle Dinge verstanden, die ich euch gesagt habe, und ihr habt sie im Glauben angenommen. Wenn ihr sie erkannt habt, dann sind sie die Eurigen. Wenn nicht, dann sind sie nicht die Eurigen.“

    (nicht in der Bibel zu finden)

    Wie wir alle wissen, sind selbstverständlicher, allgemeiner Wohlstand und der Weltfrieden (noch) nicht die Unsrigen, obwohl die Überwindung von Massenarmut und Krieg in dem ersten Zitat bereits erklärt wird. Die wahre Bedeutung wird offensichtlich, wenn wir es mit dem folgenden Zitat aus dem bis heute unwiderlegten (alle „Gegenargumente“ basieren auf Vorurteilen und Denkfehlern), makroökonomischen Grundlagenwerk „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ aus dem Jahr 1916 vergleichen:

    „Man sagt es harmlos, wie man Selbstverständlichkeiten auszusprechen pflegt, dass der Besitz der Produktionsmittel dem Kapitalisten bei den Lohnverhandlungen den Arbeitern gegenüber unter allen Umständen ein Übergewicht verschaffen muss, dessen Ausdruck eben der Mehrwert oder Kapitalzins ist und immer sein wird. Man kann es sich einfach nicht vorstellen, dass das heute auf Seiten des Besitzes liegende Übergewicht einfach dadurch auf die Besitzlosen (Arbeiter) übergehen kann, dass man den Besitzenden neben jedes Haus, jede Fabrik noch ein Haus, noch eine Fabrik baut.“

    Silvio Gesell

    Die Aussagen von wahren Genies bleiben für gewöhnliche Menschen (Fundamentalisten) unverständlich, und selbst den Gelehrten und ernsthaften Studenten können sie nur mit Mühe sinnhaftig werden.

    „The greatest tragedy in mankind’s entire history may be the hijacking of morality by religion.“

    Arthur C. Clarke

    Herzlich Willkommen im 21. Jahrhundert:
    http://www.deweles.de/willkommen/cancel-program-genesis.html


  1. 1 Wo zum Teufel ist der liebe Gott? (via no heaven – only sky) « Toumai1470's Blog Trackback zu Juni 7, 2011 um 3:37 pm

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Falls Du glaubst, Denken und Glauben schlössen einander nicht aus, bedenke deinen Glauben! Es gibt keine Götter – Gott sei Dank. Glaube ist der Sieg des Wunschdenkens über die Vernunft. Allein mit diesen drei harmlosen Sätzen errege ich gewiß bei vielen von euch Anstoß – und das nach über zweihundert Jahren Aufklärung! Aber Anstoß erregen heißt auch etwas anzustoßen. Und genau das möchte ich: ein wenig zum Denken, ein wenig zum Zweifeln.
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