Dreifache Einfalt

– Sehe ich da drei Falten auf Eurer gerunzelten Stirn, Merkwürden? Oder sind es gar vier?
– Drei sind es! Und es sind Falten der Trauer, der Sorge und des Zorns ob der Gottlosigkeit, die uns umgibt, mein Sohn.
– Apropos Gott und Falten: Was hat es eigentlich mit der Dreifaltigkeit auf sich, Merkwürden? Ich versteh das nicht ganz.
– Du musst das auch nicht verstehen. Du sollst das glauben, mein Sohn!
– Letzteres fiele mir aber wesentlich leichter mittels ein wenig Verständnis.
– Nun, mein Sohn, wenn du mich so sehr darum bittest, will ich versuchen, es dir zu erhellen: Das Wort bezeichnet die Wesenseinheit von Gott Vater, Sohn, also Jesus Christus, und Heiliger Geist. Man spricht auch von Trinität oder Dreieinigkeit.
– Schön, dass wenigstens die drei sich einig sind. Wir haben es demnach in der monotheistischen Religion Christentum mit drei Göttern zu tun?
– Neiiin! Das sind nicht drei Götter, sondern drei aus Gott entsprungene Personen; sie sind in ihrer Göttlichkeit wesenseins.
– Hm. Aus eins mach drei und drei gleich eins, vom Einmaleins zum Dreimaleins, und meins und deins – am Ende keins. Da sträubt sich mein arithmetisch geprägtes Hirn.
– Es geht ja um den Glauben, nicht um Arithmetik!
– Tja, kann es sein, dass man das erfunden hat weil, mal bildlich gesprochen, man auf einem Bein schlecht stehen kann, Gott ist ja kein Storch schließlich, ein dreibeiniger Tisch hingegen nicht wackelt?
– Oh Herr vergib ihm, denn er schwätzt mit der Zunge des Narren! „Wir verehren den einen Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit, ohne Vermengung der Personen und ohne Trennung der Wesenheit. Eine andere nämlich ist die Person des Vaters, eine andere die des Sohnes, eine andere die des Heiligen Geistes. Aber Vater und Sohn und Heiliger Geist haben nur eine Gottheit, gleiche Herrlichkeit, gleich ewige Majestät. Wer daher selig werden will, muss dies von der heiligsten Dreifaltigkeit glauben.“*
– Eine gewisse Verwirrung des Geistes scheint mir demnach die Voraussetzung für Seligkeit zu sein: Wir müssen etwas glauben weil wir es verehren, und weil wir daran glauben, verehren wir es. Hab ich das jetzt richtig verstanden, Merkwürden?
– Glauben, mein Sohn, glauuuuuben!
– Ich merk schon: Ich soll hier nichts verstehen.
– Die Einheit ist das Entscheidende, die Dreieinigkeit!

Jeronimo Cosida: Trinity / gemeinfrei; Urheber: Revolware

– Darauf müssen wir uns wohl einigen. Trotzdem kann es mit der Einheit nicht ganz so weit her sein: Millionen, wenn nicht Milliarden Jahre lang war Gott allein, hat sich dann wohl doch einsam gefühlt, denn vor zweitausend Jahren kam erst sein Sohn zur Welt und dreiunddreißig Jahre darauf der Heilige Geist…
– Halt, halt – falsch, ganz falsch! Die Trinität ist Gottes Wesen, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
– Schon immer? Die beiden gibt’s schon immer? Demnach war man bei der Schöpfung bereits zu dritt? Da hätte das Design aber wesentlich intelligenter ausfallen müssen. Und wozu dann die umständliche Jungfrauengeburt, wenn der gute alte Jesus schon vorher existierte? Apropos Jungfrau: Gehört die Mutter Gottes nicht auch dazu, zur Dreieinigkeit?
– Nein!
– Hm, wäre ja dann auch ‘ne Viereinigkeit getreu dem Motto: Selbst die wacker’n Musketiere war’n nicht dreie sondern viere. Aber wie ich Eure Theo-Logik kenne, dürfte es doch nicht allzu schwer sein, die Maria in dem Triumvirat noch mit unterzubringen, wenigstens als Quotenfrau. Immerhin verehrt eine Vielzahl Eurer gläubigen Schäfchen die Mutter mindestens ebenso sehr wie den Sohn. Und selbst der selige Heilige Vater** lächelte gewöhnlich angesichts der Gottesmutter selig wie ein satter Säugling.
– Selbstverständlich ist Maria heilig. Aber zur Heiligen Dreifaltigkeit gehört sie nun mal nicht!
– Hat wohl zu wenig Falten, verstehe.
– Gar nichts verstehst du!
– Deshalb frag ich Euch ja, Merkwürden. Nun springt mal nicht gleich im Dreieck! Der Heilige Geist ist doch für die Kommunikation Gottes mit den Menschen zuständig, oder?
– So könnte man es eventuell ausdrücken, gewiss.
– Und warum tut er das erst seit Pfingsten Dreiunddreißig, wenn es ihn doch schon immer gab? Wenn ich richtig gelesen habe, musste Gott vordem einen Dornbusch ankokeln, um Moses auf sich aufmerksam zu machen. Und auch auf dem Sinai soll er dem die Steintafeln höchstpersönlich in die Hand gedrückt haben. Das wäre doch per spiritus sancti viel eleganter gegangen.
– Es ist nicht an uns, die Wege des Herrn zu interpretieren!
– Ja, warum tut Ihr’s dann, Merkwürden?
– Der Heilige Geist hat vordem durch die Propheten gesprochen, ist mit dem Pfingstwunder auf die Apostel und in deren Nachfolge auf die Mutter Kirche übergegangen.
– Aaaa-ha. Diese Mutter gehört demnach zur Heiligen Allia…äh Dreifaltigkeit. Ich beginne zu verstehen.
– Du verstehst nichts! Aber stell dir die Sache einfach vor wie ein Kleeblatt: Da sind drei Blätter – es ist aber eine Pflanze.
– Hm. Und warum gilt dann das vierblättrige Kleeblatt als Glücksbringer, Merkwürden?
– Das ist Aberglaube!
– Aber Glaube ist, was Ihr predigt, Merkwürden?
– Sicher. Ich kann doch nicht an irgendwas glauben!
– Ich auch nicht.

* aus dem athanasischen Glaubensbekenntnis
** gemeint ist JP II

4 Responses to “Dreifache Einfalt”


  1. 1 Linus Heilig Juni 25, 2011 um 8:10 am

    Am Anfang war der dreibeinige Tisch, der nicht wackelt. Die Evolution des Glaubens wunderbar erklärt. Es Lebe die 3 Hügel Stadt Rom und der Dreiklang.

  2. 3 Wolfgang Klosterhalfen Juni 1, 2012 um 11:55 am

    Hokuspokus, Zauberei:
    drei ist eins und eins ist drei.

    Gott ist eins, er hat nur drei verschiedene Aggregatzustände.
    (So wird es gelegentlich KIndern „erklärt“.)


  1. 1 Credo quia absurdum « no heaven – only sky Trackback zu November 1, 2011 um 10:56 am

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Falls Du glaubst, Denken und Glauben schlössen einander nicht aus, bedenke deinen Glauben! Es gibt keine Götter – Gott sei Dank. Glaube ist der Sieg des Wunschdenkens über die Vernunft. Allein mit diesen drei harmlosen Sätzen errege ich gewiß bei vielen von euch Anstoß – und das nach über zweihundert Jahren Aufklärung! Aber Anstoß erregen heißt auch etwas anzustoßen. Und genau das möchte ich: ein wenig zum Denken, ein wenig zum Zweifeln.
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