Blutwein und Brotleib

– Merkwürden, Gott zum Gruße!
– Entschuldige, mein Sohn, ich bin in Eile. Muss das Abendmahl vorbereiten.
– So früh schon? Und seit wann kocht Ihr selbst? Ist Eure Haushälterin unpässlich?
– Spötter! Du weißt genau, dass ich das Sakrament des Heiligen Abendmahls meine, die Eucharistiefeier, die Danksagung, die Heilige Messe.
– Aaah ja. Ich erinnere mich ungern an mein erstes derartiges Mahl: Es war ein wenig enttäuschend, gelinde gesagt.
– Wie das, mein Sohn?
– Ich hatte mich gefreut auf einen Keks und den ersten legalen Schluck Wein in meinem jungen Leben. Aber die Hostie schmeckte nach gar nichts, dafür klebte sie am Gaumen fest, und den Wein trank der Pfarrer alleine.
– Derart im Unglauben das Heilige Sakrament zu empfangen hast du dich schuldig gemacht am Leib und Blut des Herrn!
– Am Blut sicher nicht, denn wie gesagt, den Wein soff der Priester. Aber ich denke, das besagte Sakrament schaffe und stärke den Glauben des Empfängers?
– Gewiss ist dem so, aber Voraussetzung ist nun mal der Glaube des Empfängers an die wahrhaftige Gegenwart Jesu Christi in den Gestalten von Brot und Wein.
– Ach, demzufolge ruft Ihr ihn regelrecht herbei indem Ihr die Hostie weiht? So wie andere den Geist Napoleons herbeirufen bei einer spiritistischen Sitzung? Aber ist er nicht ohnehin allgegenwärtig?
– Du begreifst wieder mal gar nichts!
– So erklärt es mir, Merkwürden.
– Brot und Wein werden mit den Worten unseres Herrn Jesus Christus geweiht: „Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“ Und „Nehmet und trinket alle daraus: Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Dies sind die Konsekrationsworte, sodann ist der Herr unter der versammelten Gemeinde körperlich anwesend. Die zuvor profanen Nahrungsmittel Brot und Wein werden damit in den sakralen Bereich übertragen.
– Verstehe, und um das Zusammensein zu bekräftigen und gemütlich zu gestalten, teilt man sich das Brot und stößt mit einem Glaserl an – symbolisch wenigstens. Das sagt mir durchaus zu, Merkwürden. Obwohl: Mit Weißwurscht und Bier wär‘s noch gemütlicher.
– Ooooh nein! Das hat nichts aber auch gar nichts mit irgendwelcher Symbolik zu tun. Durch die Weihe des Brotes und Weines wird die ganze Substanz des Brotes in die Substanz des Leibes Christi und die ganze Substanz des Weines in die Substanz seines Blutes verwandelt. Das ist der Vorgang der Transsubstantiation.
– Transsupp… hm. Woher weiß man das? Ändert sich da was an der Molekülstruktur oder so, hat das mal jemand untersucht?
– Die äußere Form bleibt natürlich völlig unverändert. Wie oft muss ich es dir noch sagen, mein Sohn, dass es sich hierbei um eine Glaubensfrage handelt, nicht um Physik oder Chemie. Die Substanz ist eine rein philosophische, um nicht zu sagen göttliche, Kategorie.
– Also eine ausgedachte Kiste, wie, sagen wir mal, das Wassergedächtnis bei den Homöopathen. Nehmt Ihr deshalb Wein anstatt Wasser, damit da nichts verwechselt wird? Aber wenn Jesus nun schon mal leibhaftig anwesend ist, warum genügt Euch das nicht, warum um Gottes Willen müsst Ihr ihn auch noch verzehren? Ist das nicht eine Art Kannibalismus?
– Um ihn, im wohl wahrsten Sinne des Wortes, zu uns zu nehmen, mein Sohn.
– Ich seh schon: Ihr habt ihn zum Fressen gern.
– Hostie oder Oblate heißt nichts anderes als Opfergabe: Er, der sich damals am Kreuze opferte, opfert sich jetzt durch den Dienst des Priesters. Es ist ein und dieselbe Opfergabe, nur die Weise des Opfers ist verschieden.
– Also fällt man gewissermaßen über ein Opferlamm her? Das macht die Sache nicht appetitlicher.
– Der Empfang der heiligen Kommunion vermehrt die Liebe Gottes, bewahrt vor der Sünde und bewirkt die Vergebung leichterer Sünden. Indem das in der Kirche vereinte Volk Gottes beim Mahl den Leib Christi empfängt, wird es selbst zum Leib Christi.
– Wie jetzt? Nachdem der Priester den Leib herbeizitiert hat, isst die Gemeinde den Leib, und dann ist die Gemeinde der Leib? Das erinnert wohl eher an ein archaisches Stammesritual als an eine zivilisierte Gemeinschaft, meint Ihr nicht, Merkwürden? Ich find’s geschmacklos, genauso geschmacklos wie die Hostie selbst. Übrigens: Was ist, wenn einer sie nicht verträgt?
– Wie – nicht verträgt? Was nicht verträgt?
– Na das Weizenmehl. Ihr lasst die Oblaten backen, soviel ich weiß, aus Wasser und Weizenmehl. Dieses enthält Gluten, gegen das viele Menschen allergisch sind, und das bei ihnen schon in kleinsten Mengen die sogenannte Zöliakie auslösen kann mit Durchfall, Erbrechen, Appetitlosigkeit bis hin zur Depression.
– Ja, das wäre freilich etwas unglücklich. Ich meine, wer das von sich weiß sollte versuchen vielleicht ohne…
– Aber die Zusammenstellung ist doch fest vorgeschrieben von den Vätern Eurer Heiligen Mutter Kirche. Und überhaupt: Gott selbst bewirkt doch höchstwahrscheinlich die Transsubstantiation – was für ein Wort!
– Ja, selbstverständlich. Wer sonst!
– Wie kann er dann zulassen, dass nach dieser wundersamen Verwandlung der ganzen Substanz, wie Ihr sagt, im nunmehrigen göttlichen Leib noch immer eine Substanz enthalten ist, von der er ja wissen müsste, dass sie so mancher Gläubige nicht verträgt? Wie leicht könnten die Symptome dann gar als Glaubensallergie fehlinterpretiert werden und die oder der unschuldige Betroffene wäre dann ein Fall für Inquisitor oder Exorzist? Wie oft mag das in der Vergangenheit schon passiert sein, als man das Gluten-Problem noch nicht kannte?
– Entschuldige, mein Sohn, ich muss jetzt wirklich, mir läuft die Zeit davon.
– Wohl bekomm‘s, Merkwürden!

Leonardo da Vinci (1452-1519) - The Last Supper (1495-1498)/gemeinfrei

6 Responses to “Blutwein und Brotleib”


  1. 1 Ingo Leschnewsky Juli 18, 2011 um 10:52 am

    „Dieses enthält Gluten, gegen das viele Menschen allergisch sind, und das bei ihnen schon in kleinsten Mengen die sogenannte Zöliakie auslösen kann mit Durchfall, Erbrechen, Appetitlosigkeit bis hin zur Depression.“

    Zöliakie ist zwar übel, aber doch nicht so häufig, dass ich von „vielen Menschen“ schreiben würde. „Manche Menschen“ klingt nicht so dramatisch, trifft es jedoch besser:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Z%C3%B6liakie#Epidemiologie

    Es gibt dagegen (glücklicherweise) „viele Menschen“, die nicht unter Zöliakie leiden.

    • 2 dubiator Juli 18, 2011 um 11:31 am

      Richtig, danke für den Hinweis. Unser ungläubiger Freund übertreibt hier wahrscheinlich ein wenig, wohl um das Problem zu verdeutlichen.
      Und ( Einwurf von Merkwürden: Gott sei Dank!) leiden auch die allermeisten Katholiken nicht unter dieser Unverträglichkeit, so dass ihnen der Himmel offensteht. Übrigens haben die Protestanten das Problem unterdessen mittels glutenfreier Hostien gelöst.

  2. 3 Linus Heilig Juli 18, 2011 um 6:45 pm

    Warum nicht gleich Blutleib versus Weinbrot ? Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie manche Menschen durch Detailverbissenheit (hab lange nach einem Krümel gesucht um die Korinthe zu umgehen) versuchen, vom eigentlichen Thema abzulenken. Ein Hochmeister dieser Taktik ignoriert die Infragestellung einfach und erzählt was vom Pferd. Hier explizit, ob die Ma(ra)donna ein Fußballfan ist?
    http://blasphemieblog2.wordpress.com/2011/07/18/k-tv-extreme-irrtumer-uber-atheisten/

  3. 4 Linus Heilig Juli 19, 2011 um 7:29 am

    Nicht wieder ablenken, „das gibt der humorvolle Dialog doch gar nicht her“, sondern ran an die Wurzeln der Scharlatanerie (so tun, als ob man was kann, was andere nicht können). Siehe Motto des Blogs: Anstößige Denk-Anstöße. Es wird nicht wahrer dadurch, dass man es ständig wiederholt, oder, es wird nur wahrer daduch, dass man es ständig wiederholt? Was gilt denn nun? Die transsubstantiationelle Dualismusfalle, die Partei hat immer recht!

    Ein einfaches Beispiel, wie über Alltägliches auch Unsinn indoktriniert wird:
    Als Chefeinkäufer einer katholischen Familie in der Diaspora unter mehrheitlich Evangelen, war es meine Aufgabe, alltäglich beim Bäcker einen Leib Brot zu kaufen. Brot gab es nicht als Schnitten oder Backmischung, die physikalische Einheit war selbstverständlich Leib. Der Leib „unser täglich Brot gib uns heute“ wurde vor dem Anschneiden mit dem Messer bekreuzigt. Da denkt man sich als Kind nichts dabei, wenn eine noch vor dem Lehrer Respektsperson Priester, der man glauben muss, mit viel tradiertem Mummenschanz sonntäglich den Alltagsbegriff für seine Zwecke missbraucht. Unverbesserlichen Skeptikern empfehle ich Monty Python, das Leben des Brian.


  1. 1 Credo quia absurdum « no heaven – only sky Trackback zu November 1, 2011 um 10:56 am

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




Anstößige Denk-Anstöße

Falls Du glaubst, Denken und Glauben schlössen einander nicht aus, bedenke deinen Glauben! Es gibt keine Götter – Gott sei Dank. Glaube ist der Sieg des Wunschdenkens über die Vernunft. Allein mit diesen drei harmlosen Sätzen errege ich gewiß bei vielen von euch Anstoß – und das nach über zweihundert Jahren Aufklärung! Aber Anstoß erregen heißt auch etwas anzustoßen. Und genau das möchte ich: ein wenig zum Denken, ein wenig zum Zweifeln.
Juli 2011
M D M D F S S
« Jun   Aug »
 123
45678910
11121314151617
18192021222324
25262728293031

Top-Klicks

  • Keine

Enter your email address to follow this blog and receive notifications of new posts by email.


%d Bloggern gefällt das: