Ave Maria

Lamento anlässlich der Hochfeste der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria (8. Dezember: Mariä Empfängnis), Verkündigung des Herrn (25. März: Mariä Verkündigung) und Mariä Aufnahme in den Himmel (15. August: Mariä Himmelfahrt)

Ave Maria

Zeichnung: Wilhelm Busch, aus: Der heilige Antonius von Padua

Ach, Maria du Schmerzensreiche, womit hast Du das verdient?
Unbefleckt, also ohne die Bürde der Erbsünde, die jedem Sterblichen seit Evas Fehltritt auferlegt ist, wurdest du empfangen, obgleich von Anna und Joachim auf natürliche Weise gezeugt. Wie das geschah, ist eines von vielen Glaubensgeheimnissen*.
Gott hatte dich also von vornherein dazu ausersehen, deinerseits ebenso unbefleckt, diesmal mittels des Heiligen Geistes, den göttlichen Leib Jesu in die Welt zu setzen. Da du selbst das nicht wissen konntest, verkündigte es dir der Erzengel Gabriel. Dennoch hatte dir Gott deinen freien Willen belassen, du hättest also auch nein sagen können.
Doch wie das bewerkstelligen? Das Eindringen des Heiligen Geistes verhindern? Ja, womit denn? Oder die Leibesfrucht abtreiben gar? Was wäre dann wohl aus dir geworden?
Aber da dir Gott, wenigstens theoretisch, diese Möglichkeiten ließ, wem hätte Er den Leib Seines Sohnes dann anvertraut? Hatte Er vorsichtshalber weitere derart vorbereitete Jungfrauen in petto? Wenn ja, was mag aus denen geworden sein?
Alles unerlaubte Fragen, denn auf welche Weise der Ratschluss Gottes mit deinem freien Willen vereinbar sei, bleibt wiederum ein großes Glaubensgeheimnis*.
Aber du nahmst, einmal bildlich gesprochen, das Kreuz auf dich, ob in naiver Freude über Gottes Gnade oder schweren Herzens in weiser Vorausschau, sei dahingestellt. Es war kein leichtes Los, wie wir aus der Schrift wissen, auch wenn die Geburt schmerzlos verlief und deine Jungfräulichkeit auch danach erhalten blieb, trotz der Geschwister Jesu, von denen in der Schrift die Rede ist – abermals ein Glaubensgeheimnis*.
Wohl deshalb nahm der im Kreuze Verteilen so großzügige Gott, quasi als Wiedergutmachung, wie zuvor euern Sohn auch dich nach deinem irdischen Tode mit Leib und Seele in seinen Himmel auf. Auf welche Weise und wann genau dies geschah, bleibt wiederum Glaubensgeheimnis*. Sogar die Schrift schweigt sich darüber aus. Indes Canisius bemüht ein paar dubiose Zeugen.**
Seither weilst du nun, vereint mit deinem Sohne, dessen Mutterliebe und Achtung deiner auf Erden sich in Grenzen hielt, wie wir wiederum der Schrift entnehmen können, körperlich im Himmel, sitzend wahrscheinlich zur Rechten Jesu oder zur Linken Gottes oder auch nur demütig knieend zu Deren Füßen, da der Heiligen Dreifaltigkeit nicht angehörend.
Ach Maria, du Gebeutelte … äh Gebenedeite, hast du wirklich das verdient?

*Glaubensgeheimnis: beliebter Kunstgriff der Kirchenväter, wenn ihre Theo-Logik gar zu hanebüchen ausfällt
**Zur weiteren Erbauung lese man zum Thema Petrus Canisius, eine wahre theologische Delikatesse:
http://immaculata.ch/Archiv/canisius_kapitel_47.htm

P.S.
Was sich hier wie ein recht schräger Mythos liest, beruht auf Dogmen der alleinseligmachenden römisch-katholischen Kirche, das heißt, ein jeder Katholik ist verpflichtet, daran zu glauben, will er nicht Gefahr laufen, am Jüngsten Tag nicht in den Genuss der versprochenen Seligkeit zu gelangen. Das wiederum heißt, etliche unserer hochrangigsten Entscheidungsträger, darunter eine Ministerin für Bildung und Forschung (!), von deren kluger Weltsicht ein Gutteil unseres Wohl und Wehe abhängt, sind von der Wahrheit einer solchen Story überzeugt. Da hört der Spaß auf!

„Zur Ehre der Heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit, zur Zierde und Verherrlichung der jungfräulichen Gottesgebärerin, zur Erhöhung des katholischen Glaubens und zum Wachstum der christlichen Religion, in der Autorität unseres Herrn Jesus Christus, der seligen Apostel Petrus und Paulus und der Unseren erklären, verkünden und bestimmen Wir in Vollmacht unseres Herrn Jesus Christus, der seligen Apostel Petrus und Paulus und in Unserer eigenen: Die Lehre, dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechts, von jedem Fehl der Erbsünde rein bewahrt blieb, ist von Gott geoffenbart und deshalb von allen Gläubigen fest und standhaft zu glauben. Wenn sich deshalb jemand, was Gott verhüte, anmaßt, anders zu denken, als es von Uns bestimmt wurde, so soll er klar wissen, dass er durch eigenen Urteilsspruch verurteilt ist, dass er an seinem Glauben Schiffbruch litt und von der Einheit der Kirche abfiel, ferner, dass er sich ohne weiteres die rechtlich festgesetzten Strafen zuzieht, wenn er in Wort oder Schrift oder sonstwie seine Auffassung äußerlich kundzugeben wagt.“
Papst Pius IX., 8.12.1854

1 Response to “Ave Maria”


  1. 1 Wolfgang Klosterhalfen August 11, 2011 um 8:54 am

    Das Fest der Unbefleckten Empfängnis wurde 1476 von Papst Sixtus IV. eingeführt: Maria sei ohne Erbsünde geboren worden.
    „Die Krönung des Rovere nahm Rodrigo Borgia vor, und wie dieser lebte auch Sixtus, der einstige Mönch, nicht gerade zölibatär, ein Papst, der Feste mit offiziellen Mätressen gab, der es noch mit einer Schwester, seinen Kindern trieb, der seine Lustknaben mit reichen Bistümern und Erzbistümern belohnte, der Freudenhäuser in Rom gründete (angeblich gar ein vornehmes lupanar »für beide Geschlechter«), die er an Kardinäle vermietete, während er von seinen Dirnen – jede siebte Römerin war eine Nutte – jährlich 20000 (nach Theiner: 80000) Dukaten Steuer einsteckte.“
    Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums:
    Achter Band: Das 15. und 16. Jahrhundert, S. 280


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