Glaube und Entweltlichung?

“Die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein”, erklärte Benedikt XVI. Und „Die eigentliche Krise der Kirche (ist) eine Krise des Glaubens.“*
Solche Worte könnten uns optimistisch stimmen hinsichtlich der Trennung von Kirche und Staat, wüssten wir nicht spätestens seit seiner unsäglichen Rede vor dem Bundestag, dass sich die wahre Bedeutung von Papstworten sehr wohl erst nach genauerem Hinsehen und dann ganz anders erschließen kann als es zunächst den Anschein hat.
Was meint der Papst also mit Entweltlichung seiner Kirche? Will er künftig auf Einfluss und Einkünfte verzichten, will er dem schnöden irdischen Pomp entsagen oder bricht der Pontifex doch nur die letzte Brücke zur Realität hinter sich ab?
Einfache Antworten, für uns schlichtere Geister ungeschminkt und theologisch unverschwurbelt, weiß sein Jünger zu geben, der katholische Abenteurer Matthias M., und das sogar, bevor dessen Heiliger Vater obige Aussagen in Freiburg tätigte! Ist Herr M. ein Prophet?
In seiner Polemik Fels im Sturm** schwadroniert er ausgiebig über den Glauben, einen Glauben, der offenbar sogar den Gläubigen, besonders wohl bei uns in Deutschland, abhanden gekommen ist, seit sie das Denken für sich entdeckt haben – „Viel Kopf, kein Herz“. Wohingegen „die Weltkirche…in Freiwilligkeit blüht, besonders südlich des Äquators, fröhlich und glaubensstark“. Woran das wohl liegt? Doch nicht etwa an der erbarmungswürdigen Bildungssituation großer Bevölkerungsteile in diesen Regionen? Nun, das lässt Herr M. dahingestellt – wir jedenfalls müssten zurück zum tiefen Glauben finden, zur Tradition, zu den Wurzeln. Bezogen auf eine andere sogenannte Weltreligion, die offensichtlich mit einem ähnlichen Problem zu kämpfen hat, bezeichnet man diesen Trend gemeinhin als Fundamentalismus, ein Begriff mit unsympathischer Färbung, weshalb Herr M. ihn tunlichst vermeidet. „Und in diese Ermattung hinein versucht der Papst nun vorsichtige Restaurationen. Das ist seine Mission, zumindest für die Deutschen.“ Im Rahmen der „Weltmission“, versteht sich. Nun, den Eindruck hatten wir Ungläubigen von Anfang an. Herr M. spricht ihn klar und offen aus – Danke, Herr M.
Wie könnte eine solche entweltlichte Kirche aussehen? Herr M. entwirft uns seine idyllische Vision: „…die Gebete lateinisch, die Gesänge gregorianisch … Die Gemeinde … erhält sich durch Spenden und die Hingabe ihrer Mitglieder. So wird die Zukunft der Kirche in Deutschland aussehen, möglicherweise eine Kirche in Katakomben, aber eine des innigen Glaubens“, in der man „beeindruckt (ist) von Andacht und Weihrauch“, wo „es nicht um die Gläubigen (geht), die Messe nicht ihr Ort der Begegnung (ist), sie ist ein Gottesdienst.“
Die Hingabe also. Und wie weit geht diese Hingabe? Ist es dann nur noch eine Frage der Zeit, bis aus einer solchen verweihräucherten Dunkelkammer die ersten Terror-Katholizisten hervorkriechen, in ihrer Entweltlichung bereit, den Antichrist mitsamt dem Rest der Welt gnadenlos zu vernichten?
Nein nein, so hat’s der papa möglicherweise nicht gemeint, aber die Konsequenz drängt sich bei Herrn M.’s markigen Worten irgendwie auf.
Und da ist noch ein großes Wort, das er gelassen zitiert: „Religion zwingt in die Knie.“
Wie bitte? Wir Ungläubigen gehen von dieser Tatsache seit geraumer Zeit aus, dass sie aber von einem frommen Papstjünger wie Herrn M. offen verkündet wird, dürfte sie nun auch für das Volk der gläubigen Schäfchen über jeden Zweifel erhaben machen.
Herr M., wir danken für diese klare Botschaft.

Katholik Matussek, Papst Benedikt XVI. Foto: DER SPIEGEL

*Papst fordert Entweltlichung http://blog.zdf.de/papamobil/2011/09/25/schwere-kost-zum-abschied/#comments
** Matthias Mattussek: Fels im Sturm, in: DER SPIEGEL 38/2011 S. 144 ff

UI

Euch fehlt der Glaube! Und wenn dieser fehlt
Ist alles aus. Warum konnt ich das alles
Schaffen, was meint ihr? Weil ich den Glauben hatte!
Weil ich fanatisch glaubte an die Sache.
Und mit dem Glauben, nichts sonst als dem Glauben
Ging ich heran an diese Stadt und hab
Sie auf die Knie gezwungen. Mit dem Glauben kam ich
Zum Dogsborough, und mit dem Glauben trat ich
Ins Stadthaus ein. In nackten Händen nichts
Als meinen unerschütterlichen Glauben!

ROMA
                                                                            Und
Den Browning!

Ui
                            Nein. Den haben andere auch.
Doch was sie nicht haben, ist der feste Glaube
Daß sie zum Führer vorbestimmt sind. Und so müßt ihr
Auch an mich glauben! Glauben müßt ihr, glauben!
Daß ich das Beste will für euch und weiß
Was dieses Beste ist. …

Bertolt Brecht: Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui / 10. Szene

2 Responses to “Glaube und Entweltlichung?”


  1. 1 petersemenczuk September 29, 2011 um 10:25 am

    Sie reden vom „Glauben“ und habe ihn doch nicht;
    Sie reden als „Christen“ und sind es nicht,sondern lügen sagt der Namensgeber Christus;
    Sie reden vom „Christentum“ und verwechseln ihn mit Abgötterei und Götzentum;
    Sie reden vom „Gottesdienst“ und verwechseln ihn mit Götzendienst,denn Gott und sein Heiiger Geist ist fern von ihnen.
    **********************************************************
    DER wahre GLAUBE ist der Allerheiligste und Allenseligmachende Glaube, der eiine GABE Gottes und ein FRUCHT
    Frucht des Heiligen Geistes ist.

  2. 2 Linus Heilig Oktober 3, 2011 um 9:52 am

    Furcht statt Frucht ist redlicher. Siehe auch Auslegung Püschoff Zollitsch, was wollte der Papst uns deuten? Wenn ein alter Mann sublimiert vor sich hinfaselt, überfällt alle selbsternannten Intellektuelle die Deutungshoheit. Der allerheiligste Heilige Geist ist (wenn es ihn gibt) nach von der Krankenkasse bezahlten psychologischen Befunden eine Psychopath. Seit Jahrtausenden beschäftigt man sich mit der Interpretation der Plagiate Bibel und Koran. Hätten die Religioten nicht die griechische Leitkultur zerstört, bedüften die ortodoxen Nachfolger keinen Rettungsschirm für ihre Leidkultur. Nur selig, aber immerhin, die Armen im Heiligen Geiste.


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Falls Du glaubst, Denken und Glauben schlössen einander nicht aus, bedenke deinen Glauben! Es gibt keine Götter – Gott sei Dank. Glaube ist der Sieg des Wunschdenkens über die Vernunft. Allein mit diesen drei harmlosen Sätzen errege ich gewiß bei vielen von euch Anstoß – und das nach über zweihundert Jahren Aufklärung! Aber Anstoß erregen heißt auch etwas anzustoßen. Und genau das möchte ich: ein wenig zum Denken, ein wenig zum Zweifeln.
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