Beschnittene Freiheit?

Da schickt man sich also an, die Menschenrechte zugunsten eines religiösen Brauches steinzeitlicher Natur auszuhöhlen. So wird Religionsfreiheit zur Narrenfreiheit für Religioten, der die Freiheit von Religion umso mehr vorzuziehen ist.

Karikatur: Jacques Tilly

Wenn etwas alternativlos ist, Frau Merkel, dann doch wohl das Recht von nicht einwilligungsfähigen Kindern auf Unversehrtheit – und das ist überhaupt nicht komisch!
Der Ball liegt nun bei der Bundesregierung und insbesondere Frau Leutheusser-Schnarrenberger. Es ist also jetzt erst recht richtig und wichtig diese Petition zu unterzeichnen:

http://www.change.org/de/Petitionen/leutheusser-schnarrenberger-sls-bmj-sch%C3%BCtzen-sie-k%C3%B6rperliche-unversehrtheit-von-kindern-beschneidung?utm_campaign=share_button_modal&utm_medium=facebook&utm_source=share_petition&utm_term=24125799

In seltener aber gleichzeitig entlarvender Eintracht fordern Obere der drei abrahamitischen Religionen eine gesetzliche Legalisierung der Beschneidung von Jungen im Kindesalter, und die Politik fast aller Coleur beugt sich eilfertig dieser Lobby. Was für armselige Religionen wären das denn, hinge deren Entfaltung einzig von der Körperverletzung von Kindern ab, die sich nicht wehren können? Das kann ich mir gar nicht vorstellen, da muss doch noch etwas mehr sein! Und warum die eilige Solidarität der christlichen Amtskirchen? Haben sie ihren Paulus nicht gelesen: „Wenn die Leute, die euch aufhetzen, schon so viel Wert aufs Beschneiden legen, dann sollen sie sich doch gleich kastrieren lassen!“ (Galater 5;12)?
Oh nein, allen Dreien geht es wohl im Kern um nichts Geringeres als den ungehinderten Zugriff auf die Kinder, um aus Kindern jüdischer, muslimischer oder christlicher Eltern möglichst früh und unwiderruflich Juden, Muslime oder Christen zu machen, bevor diese sich ihrer individuellen Religionsfreiheit, nämlich der selbstbestimmten Wahl eines Glaubens oder auch keines Glaubens, bewusst werden können. Und dieses Privileg ist es ihnen freilich wert, mit den Zähnen verteidigt zu werden. Und da ihnen dafür kaum Argumente zur Verfügung stehen außer „Das ist das Fundament unseres Glaubens, unentbehrliches Zeichen unseres Bundes mit Gott, das haben wir schon immer so gemacht…“ bezichtigen sie die Verteidiger des Primats der Kinderrechte des Antisemitismus, der Islamophobie oder schlicht eines aggressiven Atheismus. Dümmer geht’s nimmer.
Wenn sie sich damit mal nicht einen Bärendienst erweisen: Sie selbst haben die Debatte mit ihrem Sturmlauf gegen das Urteil des Kölner Landgerichts angefacht, anhand derer vielen Menschen in unserem Land die Aberwitzigkeit gewisser religiöser Riten erst deutlich werden dürfte.
Wie um diese Vermutung zu bestätigen, äußerte sich der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland:
„Der Zentralratspräsident Graumann zeigte sich erstaunt, ‚dass viele Menschen, auch Gebildete, überhaupt nicht wussten, dass es bei uns rituelle Beschneidung gibt. Ich verstehe, dass jemand erst einmal zurückzuckt, wenn er im Status der Unwissenheit damit konfrontiert wird.'“
(„Mehrheit gegen rituelle Beschneidung von Jungen“, Welt-online v. 21.07.12: <a href="http://www.welt.de/newsticker/news3/article108353277/Mehrheit-gegen-rituelle-Beschneidung-von-Jungen“ target=“_blank“>http://www.welt.de/newsticker/news3/article108353277/Mehrheit-gegen-rituelle-Beschneidung-von-Jungen.html“>http://www.welt.de/newsticker/news3/article108353277/Mehrheit-gegen-rituelle-Beschneidung-von-Jungen.html  )
Und wie erst das Opfer zurückzuckt!

Liebe jüdische Mitbürger, ihr seid so intelligent, eure Kultur ist so vielfältig, ihr besitzt so viel Kraft und einen so wunderbaren, unnachahmlichen Witz. Da müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn es euch nicht gelänge, diesen archaischen, blutigen Brauch in ein symbolisches Ritual zu verwandeln. Die Hauptperson der Feier hätte dann allemal mehr Freude daran, und Gott, der sein auserwähltes Volk liebt, drückte ganz gewiss ein Auge zu.

Auch dieser Gedanke ist so abwegig nicht, wie der Artikel eines jüdischen Arztes zeigt:
http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/beschneidungsdebatte-unsere-seltsame-tradition-11827726.html

6 Responses to “Beschnittene Freiheit?”


  1. 1 dubiator Juli 22, 2012 um 1:50 pm

    Lieber SKYDADDY, Dein „Gefällt mir“ kommt für mich einem Ritterschlag gleich. Danke.

  2. 2 Linus Heilig August 1, 2012 um 7:55 pm

    Unnachahmlicher jüdischer Witz: Wenn du nur 2 Möglichkeiten hast, wähle die 3. Mein Vorschlag, die Beschneidung des Hirnwurms.

  3. 3 Holmi August 28, 2012 um 11:44 pm

    Es gibt schon eine Alternative, die Brit Shalom. Anstatt Brit Mila.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Brit_Shalom_%28Zeremonie%29
    Ansonsten Ist meine Meinung diese:
    Ich dachte bis jetzt, dass Glauben Kopfsache ist, also im Gehirn abläuft.
    Leider ist dies aber nicht der Fall, da es außer der Beschneidung noch andere archaische “Glaubensrituale” wie z. B. das Schächten gibt.
    Mit solchen uralten “Regeln”, die Menschen und Tieren ohne Not, nur der religiösen Vorschrift hörig, Schmerzen zufügt, kann man mich als Humanisten nicht überzeugen bzw. gewinnen.
    Da endet für mich das Recht auf freie Religionsausübung.
    Und über Tradition lässt sich trefflich streiten. Gab es nicht die christliche Tradition der Hexenverbrennung und der Teufelsaustreibung (Exorzismus). Müssen Traditionen wie die Beschneidung und Schächtung im 21. Jh. nicht mal überdacht bzw. wenigstens zur Diskussion gestellt werden. Die Menschheit hat es geschafft, ins Weltall zu fliegen, verfügt über große wissenschaftliche und technische Fortschritte, wie z. B. den Computer oder das Internet, aber an so einem Mumpitz wie der Beschneidung aus religiösen Gründen wird “auf Teufel komm raus” festgehalten (“nicht verhandelbar”).
    Der Humanismus muss hier wohl noch viel Aufklärungsarbeit leisten, um zu zeigen, dass solche Rituale meiner Meinung nach für ein Glaubensbekenntnis nicht notwendig sind. Wie gesagt, Glauben beginnt im Kopf…

  4. 4 dubiator August 29, 2012 um 3:04 pm

    Die ganze „Beschneidungsdebatte“ macht deutlich, wie schwer noch immer Menschenrechte – hier das für jeden halbwegs klar denkenden Menschen einsehbare Grundrecht von Kindern auf körperliche Unversehrtheit – gegen den erbitterten Widerstand von Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften erkämpft werden müssen. Sind diese Rechte dann aber eines Tages endlich Allgemeingut, entblöden sich besagte Religionisten in der Regel nicht, dies als ihr Verdienst zu preisen.

  5. 5 Linus Heilig September 7, 2012 um 8:21 am

    Solange die Behauptung von der Harmlosigkeit der Beschneidung wegen der Religionsfreiheit toleriert wird, ist jede weitere Argumentation hinfällig.
    Dann sind auch rassistische Selbstausgrenzungen legitim und seien sie nur symbolisch.

  6. 6 Linus Heilig September 7, 2012 um 10:05 am

    Überhaupt, was soll das Rumgeeiere. Es geht darum, ob zukünftige Gesellschaften von tradierten Despoten und ihren glücklichen Sklaven, oder von selbstbewußten und selbstverantwortlichen Mitgliedern dominiert werden. Den Letzteren steht der globale §166 in seiner jetzigen Zwangshochachtung vor Humbug im Wege.


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Falls Du glaubst, Denken und Glauben schlössen einander nicht aus, bedenke deinen Glauben! Es gibt keine Götter – Gott sei Dank. Glaube ist der Sieg des Wunschdenkens über die Vernunft. Allein mit diesen drei harmlosen Sätzen errege ich gewiß bei vielen von euch Anstoß – und das nach über zweihundert Jahren Aufklärung! Aber Anstoß erregen heißt auch etwas anzustoßen. Und genau das möchte ich: ein wenig zum Denken, ein wenig zum Zweifeln.
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