Geschichten zum Vorlesen

epubli präsentiert

Geschichten zum Vorlesen
Gutenachtgeschichten

Softcover A4, 140 Seiten

epubli-Verlag Berlin

ISBN 978-3-84423-906-5

„Wer kann sich nicht daran erinnern, im warmen Bett zu liegen, sich an die Seite seiner Eltern zu schmiegen und gespannt deren Erzählungen zu lauschen. Das Abtauchen in ferne Welten, aufregende Abenteuer und fremde Wesen hat unsere Fantasie und Träume beflügelt. Bei vielen weckten gerade diese Erlebnisse das Interesse an Büchern und machten einige zu regelrechten Bücherwürmern.
Vorlesen fördert das kindliche Interesse für das geschriebene Wort und hilft dadurch, Lesekompetenz zu vermitteln. …
In diesem Jahr rief epubli Autoren und Geschichtenerzähler auf, Gutenachtgeschichten für ein Vorlesebuch einzusenden. Mehr als 100 Autoren kamen dem Aufruf nach. … Die besten Geschichten wurden für dieses Buch liebevoll ausgewählt, aufbereitet und illustriert.
Die Erlöse dieses Buches werden zu 100% an den Vorleseclub der Stiftung Lesen gespendet. … Mit dem Kauf dieses Buches tun Sie daher nicht nur Ihren Kindern etwas Gutes, sondern unterstützen auch die bundesweite Leseförderung anderer Kinder.“
(aus dem Vorwort)

Und hier eine kleine Leseprobe:

Rainer Buchheim
Hilfe!

Ein vorwitziger Sonnenstrahl zwängte sich durch die hohen Kiefernwipfel und huschte bis herab zum Waldboden. Dort kitzelte er, einfach so aus Schabernack, einen kleinen Mistkäfer am Fühler, der unweit seiner Behausung – einem schon recht vertrockneten und zerklüfteten Baumstumpf – sein Mittagsschläfchen hielt.
„Ha-ha-hat-tschiiie“, nieste der kleine Mistkäfer und blinzelte verdutzt in die Runde. Sogleich aber rappelte er sich auf und begann wacker draufloszustiefeln. Er wollte ergründen, woher denn die Sonne käme, und ließ den heimatlichen Baumstumpf weit hinter sich.
„Mistkäfer“, brummelte er vor sich hin, „Mistkäfer – was für ein hässlicher Name!“ Dabei hatte ihn sein Vater, der große Mistkäfer, erst am Morgen deswegen getröstet: „Mach dir nichts daraus. Was bedeutet schon ein Name? Den haben uns doch nur die Menschen verpaßt, Menschen, die viel zu hochnäsig durch die Welt stolzieren als dass sie erkennen könnten, wie schön all das Getier ist, das am Erdboden krabbelt und kreucht. Schau dir nur einmal unseren Rücken an: Schimmert er nicht wie feinster Lack, grüner und dunkler noch als das Moos? Ha, und fällt erst ein Sonnenstrahl darauf, dann funkelt er gar wie ein Edelstein, ein Edelstein, den die Menschen Smaragd nennen. Von Käfern verstehen sie halt nichts. Wir sind ihnen einfach zu klein.“
So hatte der Vater gesprochen, und deshalb stapfte der kleine Mistkäfer immer weiter, Schritt für Schritt, Meter für Meter, um den Sonnenschein zu suchen, bis er endlich am Rande einer Lichtung anlangte. Überwältigt starrte er in die Sonne, die neben ein paar Federwölkchen hoch am Himmel stand.
„Wart nur“, rief der kleine Mistkäfer voller Übermut, „bin ich schon so weit gelaufen, dann will ich jetzt auch noch das kleine Stück zu dir hinaufsteigen.“ Sprach’s und begann, einen dicken, hohen Grashalm zu erklimmen. Zunächst vorsichtig tastend, dann immer sicherer und immer schneller, immer höher und höher krabbelte er hinauf. „Wart, wart, gleich bin ich bei dir.“
Schon begann sich der Halm zu biegen, aber unser kleiner Mistkäfer ließ sich nicht beirren. „Nur noch ein Stückchen, dann bin ich da. Gleich glänzen wir beide um die Wette…“ Doch da geschah’s. Als der kleine Mistkäfer schon fast die Spitze des Gras-halms erreicht hatte, knickte dieser unter der ungewohnten Last ab, und – bums – lan-dete unser Käferlein wieder da, wo es hergekommen war: auf dem Waldboden. Zum Glück war sein Rücken gepanzert und der Boden mit Laub gepolstert.
„Uff“, stöhnte der kleine Mistkäfer. Aber nachdem er seinen Schreck überwunden hat-te, rief er dem Grashalm trotzig zu: „Hat ja gar nicht weh getan.“ Der schaukelte nur sanft und stumm im leisen Nachmittagswind und schüttelte sich nicht einmal, als ginge ihn das alles gar nichts an.
„Auch gut“, sagte der kleine Mistkäfer zur Sonne, „bleibst du eben alleine da oben. Und ich troll mich jetzt wieder nach Hause. Hab für heute genug von der weiten Welt.“
Aber das war wohl leichter dahergesagt als getan. Erst jetzt bemerkte er, dass er über sich nur den strahlenden Himmel und die grelle Sonne wahrnahm, und dass seine sechs Beine hilflos in der Luft zappelten. So wild er sich auch bewegte, so sehr er sich auch anstrengen mochte, er bekam einfach den Boden nicht wieder unter die Füße.
„Oh weh“, begann er da zu jammern, „die ganze Welt steht auf dem Kopf.“
Und er schrie: „Hilfe, Hilfe! Hört mich denn keiner?“ Aber wie laut kann ein kleiner Mistkäfer schon schreien?
Ganz langsam sank die Sonne tiefer und tiefer herab, als wolle sie jetzt zu ihm kom-men, um ihn zu trösten. Seine Hilferufe gingen in ein leises Winseln über, dann ward er still und schnappte nur noch nach Luft.

Tja – wer nun wissen will, wie’s weitergeht: siehe oben.

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Anstößige Denk-Anstöße

Falls Du glaubst, Denken und Glauben schlössen einander nicht aus, bedenke deinen Glauben! Es gibt keine Götter – Gott sei Dank. Glaube ist der Sieg des Wunschdenkens über die Vernunft. Allein mit diesen drei harmlosen Sätzen errege ich gewiß bei vielen von euch Anstoß – und das nach über zweihundert Jahren Aufklärung! Aber Anstoß erregen heißt auch etwas anzustoßen. Und genau das möchte ich: ein wenig zum Denken, ein wenig zum Zweifeln.
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