Oh Tannenbaum!

WeihnachtsbaumChristbaum – was für eine merkwürdige Bezeichnung.
Was hat eine Tanne, Fichte oder Kiefer wohl mit Jesus Christus zu tun? Schließlich wird sie doch nicht gesalbt (Christus: Der Gesalbte) sondern allenfalls geschmückt oder angeputzt, wie man in manchen Gegenden zu sagen pflegt, mit allerlei Lichterketten, Kerzen, Glaskugeln, Süßigkeiten, bunten Figürchen, Sternchen aus Stroh oder Papier und (früher war mehr) Lametta. Neben, vor oder hinter dem Stall von Bethlehem mag vielleicht eine Zypresse gestanden haben, das lässt sich nicht ausschließen, allein nicht einmal der phantasiebegabte Evangelist Lukas weiß davon zu berichten.
Schauen wir einmal ganz tief in die Vergangenheit, so finden wir die Ursprünge dieser Sitte wie so oft in verschiedenen Kulturen. Schon im Mithras-Kult der alten Römer – aus dessen Fundus an Mythen und Bräuchen sich das spätere Christentum übrigens reichlich bediente – ehrte man seit dem minus14. Jahrhundert zur Wintersonnenwende den Sonnengott durch das Schmücken eines Baumes. Eine immergrüne Pflanze als Symbol von Vitalität, Durchhaltevermögen und Hoffnung auf den Frühling erscheint ja auch durchaus plausibel. Paradox und damit typisch menschlich ist daran nur, dass man dem verehrten Träger der Lebenskraft genau diese nimmt indem man ihn absägt und in die warme, trockene Behausung schleppt, um sich alsbald darüber zu beklagen, dass er umgehend seine treuen Blätter abwirft.
Aus dem Mittelalter ist bekannt, dass man gelegentlich in Kirchen mit Äpfeln behängte sogenannte Paradiesbäume aufstellte. Eine Huldigung der verbotenen Frucht der Erkenntnis? Das klingt sympathisch. Möglicherweise gab man deshalb diesen Brauch bald wieder auf. Heutige rote Kugeln am Baum mögen daran erinnern.
Gelegentlich stellten im 16. Jahrhundert Zünfte, Vereine und Ratsherren Tannenbäume auf Märkten oder in ihren Geschäftsräumen auf. Allgemein üblich wurde die Sache im Verlaufe des 17. Jahrhunderts, natürlich zunächst nur in Haushalten, die es sich leisten konnten. Aus dieser Zeit stammt auch der erste Hinweis auf einen kerzenbestückten Baum. Das Talglicht auf dem grünen Reis als Ausdruck der wohlbegründeten Hoffnung auf Wiederkehr von Wärme und längeren Tagen ist ein ebenso anrührendes wie naheliegendes Symbol, obgleich brandgefährlich. War letzteres vielleicht der Grund, weshalb die Kirche sich dagegen sträubte? Wohl eher weniger, wie der Geifer eines Predigers am Straßburger Münster nahelegt: „Unter anderen Lappalien, damit man die alte Weihnachtszeit oft mehr als mit Gottes Wort begehet, ist auch der Weihnachts- oder Tannenbaum, den man zu Hause aufrichtet, denselben mit Puppen und Zucker behängt, und ihn hernach abschüttelt und abblühen (abräumen) lässt. Wo die Gewohnheit herkommt, weiß ich nicht; ist ein Kinderspiel“(1)
Warum kommt uns diese Äußerung nur so bekannt vor?
Mit dem 18. Jahrhundert verdichten sich Berichte über den Weihnachtsbaum: u.a. Goethe, Schiller, Hebel und Hoffmann (der mit den Erzählungen) führten ihn in die Literatur ein. Den ersten Lichterbaum in Wien stellte übrigens 1814 eine angesehene jüdische Gesellschaftsdame in ihrem Salon auf – Christbaum? Nebbich!
Freilich konnten sich das bis dahin nur Begüterte leisten, denn Tannen waren knapp in Mitteleuropa. Erst mit dem Anlegen von Nadelwald-Monokulturen ging in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die grüne Post so richtig ab.
Nach wie vor billigte die Kirche zunächst diesen heidnischen Brauch keineswegs. Ihr gehörten große Waldgebiete und sie schritt gegen das Plündern des Waldes zur Weihnachtszeit ein. Schließlich übernahm sie ihn aber doch – ein Schelm, wer dabei ans Geschäft denkt – wie sie im Laufe ihrer jahrhundertealten Tradition schon so viele Volksbräuche okkupiert hatte. Einfach Tolerieren ist ihre Sache nicht: Verdammen oder einverleiben, das war hier die Frage. Und so stellen seither Pfarrer beider Konfessionen das Gewächs unter dem Namen Christbaum in ihre Kirchen. Halleluja!
Nun, selbst das ist halb so schlimm im Vergleich zur Unverschämtheit, mit der Kirchenobere die Menschenrechte, die weiß Gott mühsam genug gegen die Macht von Ihresgleichen durchgesetzt werden mussten, neuerdings von den Zehn Geboten ableiten.

(1)zitiert nach http://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtsbaum (Zugriff 03.12.12)
Quelle der historischen Fakten: Wikipedia, Stichwort Weihnachtsbaum

0 Responses to “Oh Tannenbaum!”



  1. Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




Anstößige Denk-Anstöße

Falls Du glaubst, Denken und Glauben schlössen einander nicht aus, bedenke deinen Glauben! Es gibt keine Götter – Gott sei Dank. Glaube ist der Sieg des Wunschdenkens über die Vernunft. Allein mit diesen drei harmlosen Sätzen errege ich gewiß bei vielen von euch Anstoß – und das nach über zweihundert Jahren Aufklärung! Aber Anstoß erregen heißt auch etwas anzustoßen. Und genau das möchte ich: ein wenig zum Denken, ein wenig zum Zweifeln.
Dezember 2012
M D M D F S S
« Nov   Jan »
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
31  

Top-Klicks

  • Keine

Enter your email address to follow this blog and receive notifications of new posts by email.


%d Bloggern gefällt das: