Was feiern wir da überhaupt?

Licht im Schnee_3„Was für eine Frage“, dürfte uns der Herr Pfarrer antworten, „die Geburt unseres Herrn Jesus Christus selbstverständlich, was sonst?“ Und er würde anheben, uns in salbungsvollen Worten die bekannte Weihnachtslegende zu erzählen, so wie er das jedes Jahr am vierundzwanzigsten Dezember in seiner Christmesse tut. Wem die Geschichte nicht ganz geläufig sein sollte, schlage das Original in der Bibel nach: Neues Testament, Lukas, Kap. 1 u. 2 (Man mache sich die Mühe und lese beide Kapitel im Ganzen, nicht nur, wie gewöhnlich ausgewählt, die süße Geschichte Lk 2; 1-20).
Eine nette Story, oder? Ein bisschen skurril, durchsetzt mit allerlei Engeln und Wundern und Prophezeiungen, so recht nach dem Geschmack unserer Altvorderen. Aber Bericht einer wahren Begebenheit, wie es der Evangelist vorgibt und wie es der Herr Pfarrer unterstellt? Da dürften den einigermaßen unvoreingenommenen Betrachter schon beim Lesen gewisse Zweifel plagen: Woher weiß der Erzähler das alles? Immerhin war die heilige Familie bei der Geburt allein im Stall. Hat er einen der Hirten interviewt oder diktierte ihm ein Engel den Verlauf in die Feder?
Nun, der zweifelnde Leser ist nicht allein: Selbst namhafte Theologen und historisch orientierte Bibelexegeten gehen heute davon aus, dass die Geschichte frei erfunden ist, ein Märchen, eben das fromme unter den zahllosen Weihnachtsmärchen. Der Text entstand fast hundert Jahre nach den angeblichen Ereignissen. Die spärlichen Überlieferungen über das Wirken eines jüdischen Wanderpredigers namens Jesus von Nazareth in Galiläa und seinen schmählichen Tod in Jerusalem musste man, sollten sie als Religionsgrundlage taugen, anreichern zu einem halbwegs plausiblen und Gottes Sohn würdigen Lebenslauf mit dessen Geburt als erstem Knalleffekt.
Der Theologe Heinz-Werner Kubitza schreibt dazu: „Das ganze Weihnachtsfest entbehrt jeglicher histo-rischen Grundlage, die so bekannten Geschichten sind ein Konglomerat aus Geschichtsirrtümern, Wunschdenken und Dogmatik. Das Hauptfest der Christen gründet sich zur Gänze auf Legenden. Hier sind nicht einzelne Punkte verändert oder erfunden worden, hier ist ein ganzer Kranz von Legenden, historisch wertlos, jedoch von großer traditioneller Beständigkeit und weit reichender Wirkungsgeschichte, aus frommer Fantasie erfunden worden.“ (Kubitza: Der Jesuswahn – Wie die Christen sich ihren Gott erschufen; Marburg 2011, S. 88)
Dem Evangelisten Lukas, wer immer das auch war, gelang dies offenbar hervorragend: Die Story ist bis heute ein Renner.
Die erste kirchliche Geburtstagsfeier Christi fand erst nach über 350 Jahren in Rom statt. Man setzte sie auf den 25. Dezember, das damals traditionelle Hauptfest des Deus Sol Invictus, eines alten Sonnenkultes. Sonnenklarer, cleverer Schachzug: Wintersonnenwende, die jährliche Wiederkehr des Lichtes, feiern Menschen auf der ganzen Erde wohl spätestens seit der Jungsteinzeit, seit für Ackerbauern und Viehzüchter der Sonnenstand existentielle Bedeutung erfuhr, begrüßte man die länger werdenden Tage alljährlich mit Jubel und Tanz. Es dürfte für Papst Liberius, den damaligen Bischof von Rom, ein Leichtes gewesen sein, diesem tief verwurzelten Fest einen neuen, wenn auch nicht eben originellen, Inhalt überzustülpen. Ein weiteres heidnisches Fest Anfang Januar, nämlich die Geburt des Gottes Aion durch die jungfräuliche (oha!) Göttin Kore erledigte man eleganterweise gleich mit – und schaffte so eine äußerst praktische Voraussetzung für die spätere weltweite Christianisierung. Den Einfluss von überkommenem Brauchtum missionierter Völker ließ man großmütig zu, aus heutiger Sicht der Glaubenskongregation möglicherweise ein schwerer Fehler, denn die Weihnachtsfolklore hat sich unterdessen weltweit ziemlich selbstständig gemacht.
Immerhin feiert auch der bekennende Christ neben dem Geburtstag eines Gottessohnes, dessen historische Existenz zwar wahrscheinlich aber keineswegs belegt ist, geschweige denn sein Geburtsdatum, wohl vor allem das kuschelige Zusammensein in der Familie bei Müller-Thurgau und Gänsebraten, und freut sich wenigstens unterbewusst, dass die Tage nun wieder länger werden. Und beim Beschenken seiner Lieben mag er allenfalls noch an Gold denken, kaum jedoch an Weihrauch oder Myrrhe.
Kirchenobere mögen es bedauern, dass das Weihnachtsfest mehr als jedes andere von Folklore und Kommerz okkupiert wurde, ein moralisches Recht zur Beschwerde indessen steht ihnen nicht zu, haben doch ihre geistlichen Vorfahren einst im Zuge der Missionierung Europas das Lichterfest, die Wintersonnenwende oder was man sonst Einschlägiges hier seit Jahrtausenden feierte, noch viel massiver okkupiert.
Außerdem ist es seit je her ein Markenzeichen des erfolgreichen Geschäftsmodells Kirche selbst, sich Volkes Sitten und Bräuche nach Kräften einzuverleiben. Was hat beispielsweise ein Fichten-, Kiefern- oder Tannenbaum mit der oben erwähnten Geburts-geschichte Jesu zu tun? Von einer kerzenbestückten Zypresse ist dort jedenfalls weit und breit nichts zu lesen, so weit reichte Lukas‘ blühende Fantasie denn doch nicht. Dennoch lässt der Pfarrer zur Christmesse gewöhnlich ein Prachtexemplar von immergrünem Nadelbaum als Symbol des Lichtes und des Lebens, das den härtesten Winter überdauert, in seiner Kirche aufstellen. Überhaupt ist im Christentum verdächtig viel vom Licht die Rede, von hellem Schein und von strahlenden Sternen, den unentbehrlichen Fixpunkten menschlicher Orientierung in der Dunkelheit von alters her.

Geradezu skurril ist der Wirrwarr um die imaginären Protagonisten des Festes: Welche Beschenkungsfigur mag wohl die gottgefälligste sein? Katholiken scheinen das engelsähnliche Christkind zu favorisieren, das paradoxerweise einst aus Luthers Heiligem Christ hervorging, den er als Gegenmodell zum Heiligen Nikolaus postulierte, da das Glaubensschema seines Protestantismus keinen Platz für Heilige ließ. Dieser Nikolaus wiederum verweltlichte nach und nach zum Weihnachtsmann, heute besonders beliebt in evangelischen Gefilden und, zuweilen nervtötend in seiner Omnipräsenz, beim mehr oder weniger christlichen Kommerz. Ausgerechnet in den USA, wo dies wahrscheinlich am penetrantesten geschah und wo man einer modernen Legende nach den Coca-Cola-Konzern der Erfindung seines roten Mantels verdächtigt, heißt er noch immer Santa Claus. Der Ur-Nikolaus indessen schleicht nur noch weitgehend ungesehen in der Nacht zum sechsten Dezember herbei, um den Kindern etwas in die Schuhe zu schieben. Dadurch wurde sein Knecht Ruprecht gewissermaßen arbeitslos. Diese Fehlentwicklung bedauert man derzeit in gewissen katholischen Kreisen, denn damit befindet sich das Mini-Tribunal aus Nikolaus mit dem Goldenen Buch und Ruprecht mit der Rute, das einst die kleinen Racker Mores lehrte, auf dem Rückzug. Ein böses Beispiel für Sittenverfall durch Religionsverdrängung! Ganz ähnlich erging es übrigens Väterchen Frost, der sowjetischen alternativen Ersatzfigur für all die Vorgenannten. Er versank zusammen mit der pseudoreligiösen sozialistischen Ideologie nahezu vollständig in der Bedeutungslosigkeit. Nun, wohl zu Recht, denn dass der heizkostensteigernde und unfallverursachende Frost ein gütiges Väterchen sein soll erschließt sich halbwegs aufgeweckten Mädchen und Jungen sicherlich ebenso wenig wie die Vorstellung vom geflügelten Christkindlein, das auf seinen schmächtigen Schultern tonnenweise Geschenke herbeibuckelt.
Was spricht eigentlich dagegen, wenn klein Jennifer von Anfang an weiß, dass die Barbie vom Pappi ist, und wenn Paulchen anstatt dem falschbärtigen Weihnachtsmann der Oma ein Dankesküsschen aufdrückt für den schönen neuen Computer? Sind nicht auch fromme Lügen Lügen? Besonders die, und besonders gegenüber kleinen Kindern, die uns ihr uneingeschränktes Vertrauen schenken?
Wie wär‘s, wenn wir all den Kitsch beiseite schöben, den kommerziellen ebenso wie den religiösen, und gemeinsam anlässlich der zunehmenden Helligkeit ein glaubensunabhängiges Fest der Liebe, des Miteinanders und des Friedens feierten, jeder mit den Bräuchen und den Speisen, die ihm am besten schmecken? Ginge der Zauber der Weihnacht dann verloren? Aber das ist nur ein Vorschlag.
Möge ein Jeder das Fest des Lichtes nach seiner Fasson feiern. Die christliche Variante ist jedenfalls historisch wie folkloristisch gesehen nur eine unter vielen. Und genau das ist das Schöne daran: Wir brauchen uns nicht mit einem schlechten Gewissen zu belasten, falls wir an andere oder an gar keine Götter glauben und trotzdem Weihnachten feiern. Und wir können getrost alle Menschen, egal welchem Kulturkreis sie sich zugehörig fühlen, zu diesem Fest herzlich einladen.
Denn die Erde wandert um die Sonne mit uns allen.

Der Dicke_1

aus: R. Buchheim: Es werde Licht – Das Büchlein zum Fest

1 Response to “Was feiern wir da überhaupt?”


  1. 1 Linus Heilig Dezember 17, 2012 um 11:33 am

    Es werde Licht und der bescheidene Link am Ende des Beitrags, bin schon auf Seite 98. Daraus das Arschleder war mir neu, deshalb habe ich es ergoogelt.

    Augen auf, das Märchen? Bergmann & Köhler hat auf 33 Seiten das Buch von MSS „Jenseits von Gut und Böse“ auf den Punkt gebracht. Beim Lesen (in der U-Bahn auf dem Weg zum Dr. Most Vortrag) kamen mir die Tränen. So einfach ist das Verstehen der Symbiose von Gefühl und Vernunft. Ein echtes Highlight der Kurzgeschicht, vielen Dank.


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Falls Du glaubst, Denken und Glauben schlössen einander nicht aus, bedenke deinen Glauben! Es gibt keine Götter – Gott sei Dank. Glaube ist der Sieg des Wunschdenkens über die Vernunft. Allein mit diesen drei harmlosen Sätzen errege ich gewiß bei vielen von euch Anstoß – und das nach über zweihundert Jahren Aufklärung! Aber Anstoß erregen heißt auch etwas anzustoßen. Und genau das möchte ich: ein wenig zum Denken, ein wenig zum Zweifeln.
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