Nelly

Foto: Susan Sermoneta /CC-Lizenz Die abgebildete Person hat nichts mit der fiktiven Titelfigur der Kurzgeschichte zu tun.

Foto: Susan Sermoneta /CC-Lizenz
Die abgebildete Person hat nichts mit der fiktiven Titelfigur der Kurzgeschichte zu tun.

„Neger-Nelly, Neger-Nelly!“ krächzte es über den Schulhof, und das solcherart beschimpfte Mädchen warf sich schluchzend in die Arme seiner besten Freundin. Mit ihrem krausen Haar, den tiefdunklen Augen und ihrer braunen, samtenen Haut war sie wunderschön. Aber das wusste die Elfjährige noch nicht.
Zwei schlacksige Rüpel, die offenbar meinten, sich bei dem Geschrei besonders hervortun zu müssen, schnappte der Aufsicht habende Lehrer am Schlafittchen und brachte sie vor die Rektorin.
Die setzte mühsam den strengsten Blick auf, der ihr zur Verfügung stand, und ließ eine Standpauke ab, in der von Rassismus, Respekt und freundlichem Miteinander die Rede war und die mit der Frage schloss:
„Woher habt ihr solche Ausdrücke? Was lest ihr bloß für Bücher?“
„Bücher, hä?“ hallte es verständnislos aus beider Mund.
„Ich will dieses Wort nicht noch einmal hören, sonst knallt’s!“
Obwohl keineswegs klar war, was da wie laut knallen sollte, maulten die Beiden in das Stundenklingeln hinein ein halbherziges „okay“, worauf sie sich trollen durften.
Um Nelly hatte sich unterdessen niemand gekümmert, jetzt war es ohnehin zu spät, denn der Unterricht musste fortgesetzt werden.
In den Augen der Schulleitung war die Einrichtung nun frei von Rassismus, denn die beiden Rabauken hielten ihr Wort: Sie stellten das Brüllen ein, näherten sich Nelly nur noch unverhofft von hinten und fauchten ihr ins Ohr:
„Schwarzes Opfer, schwarzes Opfer!“
Sollte sich Nelly beschweren? Nichts wäre zu beweisen gewesen, Aussage hätte gegen Aussage gestanden.
Nelly war eine sehr gute Sportlerin, besonders die Leichtathletik hatte es ihr angetan. Im Sprint sauste sie allen davon.
Beim Schulsportfest tauchte ein Talentesucher vom Sportgymnasium auf.
„Wer ist denn die kleine farbige Gazelle da?“ fragte er.
„Das ist unsere Nelly“, antwortete stolz die Rektorin.
„Ja, ja, die Naturvölker.“
„Sie ist hier geboren“, korrigierte ihn die Rektorin, „ihre Eltern sind Deutsche.“
„Macht ja nichts. Ist gekauft!“ trompetete der Kopfjäger.
„Gekauft?“ Die Rektorin riss die Augen auf.
„Ja, klar – sagt man so in unserer Branche. Denken Sie nur an all die Fußballer. Na, nichts für ungut. Das Mädel hat Zukunft!“
An der Sportschule begrüßte man sie nicht unfreundlich: „Aah, unsere kleine AfroAmerikanerin!“
„Isch nischt Afro, isch nischt Amerika, isch deutsch, ihr Kanaken!“ zischte Nelly zurück. Irgendwann musste sie anfangen, sich zu wehren.
„Ist ja gut. Dann eben AfroDeutsche.“
Beinahe hätte Nelly darum gebeten, wieder als Negerin bezeichnet zu werden. Eine Leistungssportlerin muss wohl hart sein, auch im Nehmen.

Wollte man alle Wörter ausmerzen, mit denen Menschen beleidigt werden können, hätten wir bald keine Sprache mehr. Obwohl – eine gewisse Sprachlosigkeit stünde uns zuweilen vielleicht ganz gut zu Gesicht, oder?

1 Response to “Nelly”


  1. 1 Linus Heilig Januar 27, 2013 um 6:49 pm

    Wieder eine wunderbare Kurzgeschichte für das humane Gemüt ohne Schneewittchen und Frau Holle. Warum muss ich dabei an Nelly C. Roth denken?


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