Die Offenbarung des Dubiators

Das Telefon düdelt.
„Ja, bitte?“
„Hier spricht der Herr, dein Gott.“
Ach du Scheiße. Wann unterbinden die endlich diese Werbeanrufe! Ich drücke weg.
Da tönt es aus der Freisprechanlage: „Nein, halt, lauf nicht weg. Hab dir was Wichtiges zu sagen, muß da was richtigstellen!“
„Falsch verbunden!“ schrei ich in den Apparat.
„Nein nein, keineswegs“, donnert die Stimme zurück, „genau du bist gemeint. Hab’s ja bei dem Dings versucht, der meint er sei mein Stellvertreter, aber der Kerl ist von seiner eigenen Bedeutung dermaßen ergriffen, daß meine ehrlichen Worte gar nicht mehr in sein Bewußtsein vordringen. Da hab ich gedacht, ich sag’s einem unbekannten Blogger, der von sich behauptet, offen für alles Mögliche zu sein. Außerdem kann der die Botschaft schnell, leise aber wirksam weltweit verbreiten.“
Was es doch für Spinner gibt! Aber wer weiß, vielleicht läßt sich ja ‘ne Geschichte draus machen. „Schieß los. Aber mach hinne, im Gegensatz zu dir hab ich nicht ewig Zeit.“
„Neiiiin, doch nicht am Telefon! Kann ja jeder Arsch mithören. Ich mach’s diskret wie immer. Werd dir im Traum erscheinen. Wann gehst du schlafen?“
„Nicht vor dreiundzwanzig Uhr.“
„In Ordnung. Bis die Nacht.“

Erster Tag

Bis gestern abend hab ich ja noch an einen Spaßvogel geglaubt. Aber der Traum letzte Nacht – ein Traauuuuum in Farbe, Drei-D und Dolby-Surround! Nee, nee, das kann kein Zufall sein. Ich schreib euch die Zusammenfassung gleich auf, unrasiert und im Pyjama. Ihr wißt ja: Träume vergißt man allzu schnell:

Schöpfolution

„Scheiße!“ entfuhr es dem All-Mächtigen, als ihm in einem ohrenbetäubenden Ur-Knall die Versuchsanordnung um die Ohren flog. Mit atemberaubender Geschwindigkeit dehnte sich die Ursubstanz aus, die er aus der Singularität erzeugt hatte. Die Expansion konnte selbst der All-Mächtige nicht rückgängig machen.
Als er aufschaute, sah er, wie sich Milliarden von Galaxien bildeten, die unaufhörlich auseinanderstrebten.
„Wer soll das denn alles verwalten, um Gottes Willen!“ rief er erschrocken aus. Dann hielt er einen Moment inne, denn ihm kam die entscheidende Idee: „Richtig: Götter.“
Und so setzte er für jede Galaxie einen Obergott ein, dem er jeweils auftrug, seinerseits Götter für die Beaufsichtigung der einzelnen Sterne zu beauftragen, nun, vielleicht nicht für jeden popligen weißen Zwerg, aber wenigstens für alle, die sich in ihrer Eitelkeit mit einem Planetensystem umgeben hatten.
Anfangs berief der All-Mächtige noch regelmäßige Plenartagungen ein, damit ihm die Galaxien nicht aus dem Ruder liefen, doch mit der zunehmenden Entfernung gelang das immer seltener, so daß er am Ende resignierte und sich ganz aus der Leitung zurückzog. Die Götter munkelten, er laboriere wohl schon an einer neuen, kompakteren, besseren Welt.
Am Rande des Universums (Wo der genau war, wußte allerdings der All-Mächtige allein.), irgendwo am Rande einer Galaxie, die sie Milchstraße genannt hatten, nachdem der zuständige Obergott bei einer Besprechung seine Kaffeesahne verkleckert hatte, hockte einer dieser unzähligen Götter mißmutig neben seiner Sonne. Er war ein junger Heißsporn, hatte versehentlich ein paar Supernovae ausgelöst und war deshalb vom Obergott hierher in die trostlose Pampa versetzt worden, wo er, jedenfalls nach Meinung des Chefs, weniger Schaden anrichten konnte.
So vertrieb er sich die Zeit, indem er ein wenig mit seinem Sonnensystem herumspielte. Die ersten beiden Planeten faßte er lieber nicht an, die waren viel zu heiß. Am dritten schubste er ein wenig, wonach der schneller rotierte. Allerdings rutschte dabei seine Achse ein paar Grad aus dem Lot. Als er den fünften in eine ordentliche Bahn drücken wollte, flog der ihm vollkommen auseinander. „Scheiß Material!“ fluchte unser Gott. Nummer sechs bis neun waren zwar riesige aber recht wabbelige Gasballons, damit konnte man nichts anfangen, und alles was dahinter noch kam war mickrig und kalt. So hatte es ihm die Nummer drei besonders angetan, die lud gewissermaßen zum Experimentieren ein: nicht zu kalt, nicht zu heiß, nicht gar zu groß aber auch nicht zu winzig. Vorsichtig angelte er sich ein handliches Trümmerteil der kaputten Nummer fünf und versetzte es in eine Umlaufbahn um Nummer drei, damit wenigstens sie sich nicht so einsam fühle wie er selbst. Schließlich umgab er seinen Liebling noch mit einem Magnetfeld und einer Atmosphäre zum Schutz gegen harte Strahlen und gegen Auskühlung, so daß es auf dessen Oberfläche richtig kuschelig wurde.

Ja Scheiße: Genau an der Stelle dröhnen aus meinem Wecker die Beatles: Good Morning, Good Morning, Good Morning! Hoffentlich geht’s morgen nacht weiter.

Zweiter Tag

Juchhei, es ging weiter, und zwar so:

Unser Gott stieg unverzüglich auf den Planeten hinab, den er inzwischen in der ihm eigenen Bescheidenheit „Air Dei“, also sinngemäß „Hauch Gottes“ genannt hatte, denn er war fest entschlossen, dieser Ödnis etwas ganz Besonderes einzuhauchen – und fand sich in einer brodelnden Waschküche wieder. Da wirbelten so allerlei Substanzen umher wie Kohlenstoff, Wasserstoff, ein wenig Sauerstoff, eine Menge Stickstoff, jede Menge Mineralien und Wasser sowieso.
„Daraus läßt sich doch bestimmt was mixen“, sprach er zu sich selbst und rührte sogleich aus all dem Zeugs eine Ur-Suppe zusammen, die er über einem der vielen Vulkane ein paar Jährchen vor sich hin köcheln ließ. Doch welche Enttäuschung, als er kostete.
„Bäääks“, machte er, schüttelte sich und spuckte das Zeug in hohem Bogen aus. „Pfui Deibel!“
Aus der Pfütze entstand ein kleiner Binnensee, gleich neben dem Vulkan.
Um diesen Fehlschlag erst mal zu verkraften, zog er sich in seine Schmoll-Ecke zurück und schaute Universe-TV. Aber das Programm bestand nur aus Hofberichten, die pausenlos die Größe und Herrlichkeit des All-Mächtigen priesen und aus Wiederholungen alter Götterserien. Wie sollten ihn auch Neuigkeiten erreichen bei der lahmen Lichtgeschwindigkeit, die der Alte verzapft hatte! Wegen der zunehmenden Entfernung wurde auch der Empfang immer schlechter. Ihm blieb über kurz oder lang also gar nichts weiter übrig, als mit der Erde zu spielen.
Als er dabei eines Tages seinen See in Augenschein nahm, staunte er nicht schlecht: Was für ein Gewimmel von Riesenmolekülen, die sich gegenseitig anfertigten! Einige davon befanden sich in winzigen glibbrigen Blasen, die sich unentwegt selber teilten.
„Das lebt!“ jubelte er hocherfreut, „das leeeebt!“
Er entnahm ein paar hohle Hände voll und verteilte sie auf die übrigen Gewässer. „Damit beschmaddern wir jetzt den ganzen Planeten.“
Es vergingen etliche Jahrmilliönchen, in denen sich diese Einzeller zwar unablässig vermehrten, ansonsten aber nichts Neues unter der Sonne geschah – bis unserem Gott endlich eine neue Idee kam. Er hatte beobachtet, daß die kleinen Racker sich zuweilen aneinanderhängten, ein Weilchen miteinander verbrachten, danach aber regelmäßig wieder auseinanderfielen.
„Wie wär’s“, dachte er, „wenn man die miteinander verklumpt, auf daß sie so eine Art Kolonien bilden? Woll‘n doch mal sehen, was dann passiert.“ Und sogleich machte er sich ans Werk, befeuchtete seine Finger mit göttlicher Spucke und pappte die Winzlinge zusammen zu unterschiedlich großen Knödeln. Die fielen zum Teil auch wieder auseinander, mal früher, mal später, aber einige von ihnen hielten dauerhaft zusammen, die Zellen spezialisierten sich, und das ganze Ding war den Einzelzellen schließlich haushoch überlegen, zumindest was die Weitergabe ihres Bauplan-Moleküls betraf.
„Klasse“, befand unser Gott, „nennen wir die Dinger Organismen.“
Er war fasziniert über das, was er in Gang gesetzt hatte, konnte sich kaum sattsehen an dem Gewimmel und an den stetigen Veränderungen, die diese Organismen immer wieder hervorbrachten. Und wie das wucherte: Pflanzen wurden an Land gespült und breiteten sich dort aus, dann auch Fische. Die meisten von ihnen verendeten zwar kläglich, aber einigen konnte er erfolgreich von den Flossen auf die Beine helfen, so daß sie erst den Boden und dann sogar den Luftraum besiedelten. Und wie sie sich gegenseitig auffraßen – nun ja, das war halt der Preis. Unser Gott hatte seine helle Freude daran, er liebte die Action. Das war doch was anderes als das langweilige Universe-TV!

Good Morning, Good Morning, Good Morning!

Dritter Tag

Ihr wartet auf die Fortsetzung? Bitteschön, hier ist sie:

Nachdem weitere Millionen Jahre ins All gegangen waren, stellte unser Gott mit Schrecken fest: Die Viecher wurden ja immer, immer mehr und zudem immer größer! Und was die wegspachtelten! Und wo sie mit ihren gefräßigen Kiefern nicht hinlangten, das trampelten sie in Grund und Boden! Diesem Treiben mußte er irgendwie Einhalt gebieten, sonst fraßen sie am Ende den ganzen Planeten kahl und schissen seine Oberfläche zu. Dann konnte er womöglich nochmal von vorn anfangen und Suppe kochen!
Er wollte seinen Obergott um Rat fragen, aber der war nicht erreichbar, hatte angeblich ein paar Schwarze Löcher im Zentrum der Milchstraße zu stopfen. So griff er in seiner Not zu einem Asteroiden aus der Trümmerbahn des ehemaligen fünften Planeten, schloß die Augen und pfefferte das Ding auf die Erde.
Der Rumms war gewaltig.
„Scheiße“, dachte er, „wenn der jetzt zu groß war! Zwei zerdonnerte Planeten, das verzeiht dir der All-Mächtige nie.“
Als er die Augen wieder öffnete, war der Planet nicht mehr blau sondern schwarz von Rauch und Staub. Sein Himmel blieb ein paar Jahrhunderte finster und es wurde bitterkalt. Die Großechsen waren jedenfalls erledigt. Nur wer klein genug war, um sich verkriechen zu können, hatte eine Chance.
Ganz allmählich rappelten sich die kleinen Säugetiere wieder hoch. Überhaupt schienen die ‘ne Nummer cleverer zu sein. Nun ja, das Verhältnis Kopfgröße zu Körpergewicht war ja auch wesentlich günstiger. Und wie sie umherwuselten, wie sie sich eifrig fortpflanzten, wie sie fröhlich mutierten und von ihrer paradiesischen Umwelt wieder und wieder erbarmungslos selektiert wurden – das war schon recht possierlich anzusehen. Das war viel spannender als die schwerfällige Rüpelei der gefräßigen Echsen zuvor.
Und wie flink sie jagten, davonliefen, sich versteckten, einander Fallen stellten und auffraßen – das war etwas für unseren Gott, daran hatte er sein Wohlgefallen.
Und wie er das Treiben so beobachtete, stellte er fest, daß Arten, deren Gehirn zufällig oder weil sie zu viele Eier gegessen hatten ein bißchen größer geraten war, begannen, sich zusammenzutun, um Opfer zu jagen, die zum Teil viel größer waren als sie selbst, und sodann gemeinsam über diese herzufallen.
Die fand er prima, deshalb nannte er sie Primaten. Und sie weckten in ihm das Kind im Gotte, so daß er der Selektion zu ihren Gunsten ein wenig nachhalf. Nur schien er damit wieder eine Art Teufelskreis angezettelt zu haben, denn in dem Maße, wie sie miteinander kooperierten und einer Art nach der anderen überlegen wurden, wuchs auch ihr Gehirn weiter bis sie keine natürlichen Feinde mehr hatten, außer dem Säbelzahntiger vielleicht.
Unterdessen brachten ihre Wuchergehirne recht absonderliche Ideen hervor: Nach erfolgreicher Jagd beispielsweise…

Scheiße – verschlafen! Was ist denn bloß mit diesem Radiowecker?!

Vierter Tag

… pflegten sie regelmäßig unter schauerlichem Geheul im Kreise herum zu rennen und mit ihren Speeren zu fuchteln. Das hielten die Nerven des stärksten Säbelzahntigers nicht aus, und er verabschiedete sich, wie so viele Arten vor ihm, von der Erdoberfläche, teils starb er Hungers, teils an tiefer Depression.
Aber damit war ihnen unversehens der letzte starke Feind abhanden gekommen. Ohne Kampf kein Spaß – daher begründeten sie die edle Tradition, sich aus Futterneid in regelmäßigen Abständen gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Nun, unser Gott fand auch das ganz amüsant, immerhin führte es zunächst dazu, daß ihre Population nicht allzu sehr überhandnahm.
Eines Tages hatte es mitten in einer Trockenperiode nach einem ihrer Tänze zufällig geregnet. Sie interpretierten ihr Gehopse als Ursache des Naturereignisses und hüpften fortan in gleicher Weise umher, wenn sie dürstete. Zuweilen regnete es danach wirklich. Das war für sie der Beweis.
„Ohgottogott“, sprach der Gott zu sich selbst, „was für ein Pfusch!“
Er war heilfroh, daß nicht er diese Gehirne konstruiert hatte: Den Spott seines Obergottes hätte er schwerlich ertragen.
Überhaupt machten sie zunehmend für sämtliche Ereignisse um sie herum allerlei Götter verantwortlich und versuchten, mit denen irgendwie ins Geschäft zu kommen. Das fing mit einigen besonders cleveren und besonders hochmütigen Artgenossen an, führte weiter über ganze Clubs polternder Halb- und Vollgötter, die auf dem Gipfel eine Berges hausten, soffen, hurten und intrigierten, bis hin zu gefiederten Schlangen und goldenen Kälbern. Um die alle günstig zu stimmen, schlachtete man unschuldige Tiere. Aber anstatt diese wenigstens mit Genuß zu verspeisen, verkokelten sie die Kadaver auf steinernen Tischen, daß es nur so zum Himmel stank. Ja glaubten die denn ernsthaft, ihren eingebildeten Gott mittels Lungenkrebs wohlgesonnen zu machen?
Das wurde unserem Gott irgendwann zu viel. Wenn die schon meinten, wen anbeten zu müssen, dann doch bitteschön ihn, den Richtigen!
„Aber zuvor muß ich doch mal testen, wie weit die gehen“, sagte er, erschien einem Manne namens Abraham im Traum – übrigens von da an seine bevorzugte Art, gelegentlich mit den Menschen in Kontakt zu treten – und befahl ihm, zum Beweis seines festen Glaubens an ihn, seinen eigenen Sohn zu opfern. Spornstreichs schritt Abraham zur Tat, schichtete Holz auf und machte sich über seinen Sohn her. Erst im allerletzen Moment eilte erschrocken seine Frau herbei, fiel ihm unerschrocken in den Arm und entrang ihm das Schlachtmesser.
„Du bist ein Engel“, seufzte Abraham, als er wieder zu sich kam, „ich glaub, ich war von Sinnen.“
„Das glaub ich auch“, dachte unser Gott schaudernd, „die sind ja zu allem fähig! Aber die werd ich Moses… äh… Mores lehren.“

Good Morning… Na bitte, geht ja wieder.

Fünfter Tag

Und genau zu diesem Zwecke zitierte er wenig später den Anführer einer Gruppe von Auswanderern, die soeben von Ägypten auf dem Wege nach Palästina war, auf einen hohen Berg.
„Paß auf“, sprach er zu ihm, „ich diktiere dir jetzt verbindliche Verhaltensregeln für dein Volk und alle anderen. Ist ja unmöglich, wie ihr euch benehmt! Spitz die Ohren und schreib auf: Erstens…“
Aber der Anführer hatte in der Eile sein Schreibzeug vergessen.
„Mein Gott, Moses! Dann mußt du dir’s halt erst mal merken.“
Nach der Ansprache des Herrn befürchtete der Anführer, all die Gebote nicht lange genug im Kopf behalten zu können. Deshalb haute er sich so gut es eben ging zwei Steintafeln zurecht und kratzte mühselig den Text darauf, jedenfalls soweit er ihn noch im Gedächtnis hatte. Immerhin verlieh das der Sache zusätzliches Gewicht. Die Tafeln unterm Arm, kehrte er ins Lager seiner Truppe zurück und verkündete ihnen, wie sie sich künftig zu verhalten hätten, und daß sie vor allem allein Ihn, den richtigen Gott, anbeten, ehren und unentwegt loben und preisen sollten.
Umgehend erwuchs daraus das nächste Mißverständnis: Fortan hielten Moses und sein Volk sich für auserwählt und metzelten alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte, im stolzen Bewußtsein des Beistands ihres Gottes.
„Oh nee – kommt man denn denen überhaupt nicht bei?“ stöhnte unser Gott.
Ein Weilchen sah er sich das an, dann versuchte er es erneut mit etlichen Propheten. Die wuselten schließlich in der ganzen bis dahin zivilisierten Welt umher und predigten neben allerlei wirrem Zeug auch so nette Sachen wie Nächsten- und sogar Feindesliebe. Die meisten verhielten sich dabei sanft wie Schäfchen, ein paar von ihnen reagierten aber auch cholerisch, wenn man ihnen nicht zuhören mochte und drohten den Zweiflern schon mal ewige Höllenqualen an. Einigen gelang es sogar, gelegentlich ein Häuflein Anhänger um sich zu scharen. Die erfolgreicheren unter ihnen gingen jedoch ihren jeweiligen Herrschern derart auf den Keks, daß man sie gewöhnlich umbrachte.
Den Jesus von Nazareth erwischte es besonders schlimm: Angeschwärzt von neidischen Priestern seines eigenen Volksstammes verurteilte ihn die Besatzungsmacht zum Tode und ließ ihn sein kurzes Leben qualvoll an einem kreuzförmigen Marterpfahl aushauchen. Überhaupt, so stellte unser Gott halb verwundert und halb bewundernd fest, entwickelten diese Wesen eine erstaunliche Phantasie bei der Entwicklung von Folter- und Mordwerkzeugen.
Aber dann kam die Überraschung: Jahrzehnte später stilisierte man genau jenen Jesus, den zu diesem Zeitpunkt schon gar keiner mehr kannte, zu Gottes Sohn hoch, welcher vom Himmelsvater herabgesandt worden sei zu den erbärmlichen, sündenbeladenen Erdenmenschen, um diese mit ihm zu versöhnen. Um das zu bewerkstelligen, habe Gott ihn höchstpersönlich erst am Kreuze abschlachten, dann körperlich wieder auferstehen und schließlich zum Himmel auffahren lassen. Als ihr Glaubenssymbol trugen die Anhänger dieser haarsträubenden Legende nun das Bild des armen Kerls vor sich her, wie er am Kreuze hängt.
Das war das weitaus Krudeste, was unser Gott bis dahin jemals von den Menschen vernommen hatte. Und wie sich das ausbreitete, und wie das an Macht gewann – unfaßbar!

God Morning, God Morning, God Morning … Irgendwas stimmt mit dem Ton nicht.

Sechster Tag

Ein halbes Jahrhundert später, was für einen Gott natürlich eine extrem kurze Zeitspanne ist, suchte er sich noch einmal einen Propheten. Schließlich mußte dieser Macht eine schlagkräftige Gegenmacht Paroli bieten. Dazu war ein besonders entschlossener Mann erforderlich. Als er den gefunden hatte, schickte er ihn in eine Höhle und diktierte ihm im Traum haarklein alle möglichen Anweisungen, so, wie man sich waschen, kleiden und ernähren, wie man Recht sprechen, sich ehelichen, die Frauen behandeln, seinen Besitz mehren und weitergeben solle und wie die Ungläubigen zu behandeln seien.
Schon das bereitete unserem Gott großes Vergnügen, so daß er die Sache noch auf die Spitze trieb mit einer strikten Forderung, ihn selbst unablässig zu beschwören, am besten nach jedem gesprochenen Satz, zu verherrlichen und anzubeten. Eitelkeit ist eine göttliche Eigenschaft.
Nachdem der Mann schlaftrunken aus seiner Höhle getaumelt war, wankte er in sein Dorf und diktierte alles dem Schreibkundigen. Offenbar hatte er auch nicht so recht begriffen, mit wem er es zu tun gehabt hatte, denn er sprach unablässig von einem gewissen Gabriel.
„Ach du Scheiße“, erschrak unser Gott, „ein Analphabet!“ So entstand wiederum nur eine bruchstückhafte Schrift, die aber von ihren Anhängern für umso heiliger erklärt wurde.
Überhaupt setzte dieser Prophet seinen Auftrag mit beispielloser Entschlossenheit um, indem er sogleich einen Trupp beherzter Männer um sich scharte und mit ihnen die neue Religion in Windeseile verbreitete. Sie und ihre Nachfahren zogen los, wenn es sein mußte mit Feuer und Schwert, um alles zu unterwerfen, was sie für ungläubig hielten. Und so nannten sie auch ihre Religion: Unterwerfung.
Die mit dem Kreuz ließen sich jedoch auch ungern die Butter vom Brot nehmen, und so hatten beide Parteien über Jahrhunderte treffliche Gründe zum Hauen, Stechen, Schießen und Sprengen. Und da man den einen wie den anderen nach dem Tode das Paradies versprach, gingen sie mit besonderer Inbrunst aufeinander los. Das gefiel unserem Gott, denn Action und Keilerei schaute er sich gar zu gerne an, darin war er uns durchaus ähnlich.
Und im Laufe dieser Jahrhunderte wurde aus Futterneid die blanke Gier, wurden aus Knüppeln, Speeren und Schwertern Panzer, Flugzeuge und Kernwaffen.
Freilich hatten sie in dieser Zeit auch viel gelernt, konnten schließlich fliegen, bis ins All sogar, verpesteten mit ihren Autos die vormals frische Luft und beinahe jeder war mit Computern und Handys jederzeit für fast jeden an jedem Ort des Planeten erreichbar. Aber gescheiter schienen sie dadurch nicht geworden zu sein.
„Welcher Teufel hat dich bloß geritten, dich da unten einzumischen“, tadelte der Obergott. Beide sahen kopfschüttelnd auf das Desaster hernieder. Unser Gott langte nach einem handlichen Asteroiden.
„Laß sein“, sagte der Obergott resigniert, „das schaffen die ganz alleine…“

Es wurde tiefschwarze Nacht und ich schlief traumlos bis mich die Beatles wachtrommelten:
Good Morning, Good Morning, Good Morning.
Das war mein vollständiger Bericht. Und wer mir diese Offenbarung nicht glaubt, möge mir das Gegenteil beweisen.
Halt mal eben, da düdelt das Telefon.
„Ja bitte.“
„Hier spricht der Herr, dein bisheriger Gott.“
„Schon klar. Hab alles nach bestem Traumsehen notiert und zeitnah veröffentlicht.“
„Fein. Aber ich darf nicht mehr eingreifen. Hätte zuviel vermasselt, meint mein Obergott. Hat mich zum Omega Centauri strafversetzt. Müßt jetzt alleine klarkommen. Macht’s guuhuuut…“
Stille. Düüt – düüt – düüt …
Schade. Wäre er noch da, wäre ich jetzt ein Prophet. Aber er ist weg.
Ein gottverlassener Planet – was für eine Chance.

Ruhetag

Die Gegend um Omega Centauri…

(Bildquelle: SPIEGEL ONLINE)

12 Responses to “Schöpfolution”


  1. 1 Uwe Lehnert März 31, 2010 um 10:39 pm

    Eine intelligente, einfallsreiche, witzige, geradezu kabarettreife Story der Erschaffung „vons Janze“. Vieleicht verlief es ja eher so und nicht wie in der Heiligen Schrift ausgedacht. Ob man mal B16 fragt, der müsste es ja wissen – behauptet er.

    http://www.uwelehnert.de

  2. 2 Linus Heilig April 4, 2010 um 6:10 pm

    Feiertäglicher Gruß.
    Emil Kreuzworträtsel: 4 senkrecht Grautier, Egel. Waagrecht kirchlicher Feiertag mit g. Ogtern? Pfingsten, das könnte einen g haben. Hast du nicht noch eine Offenbarung, die Gerhirnwäsche durch Glauben (allgemein Autoritätsgläubigkeit) entlarvt? Die Zeit ist reif, den Katholiken bei der Selbstdemontage (wie die DDR vor 20 Jahren) zu helfen. Dein Schreibstil ist pädagogischer, als mein ironischer.

  3. 3 dubiator April 6, 2010 um 8:51 am

    Alltäglicher Gruß zurück.
    Ja, der gute alte Emil Steinberger: „Wir chaben einfach einen Haufen zuviel!“
    Tja, lieber Linus, noch ne Offenbarung, das wird wohl nix. Nu isser ja weg. Aber Pfing-schten und der Heilige Geist – das könnte schon noch was hergeben.
    Autoritätsgläubigkeit vs. Selbstbestimmung – das ist schon ein brauchbares Stichwort.
    Wieso eigentlich pädagogisch?

  4. 4 Linus Heilig April 6, 2010 um 11:47 am

    Der Pädagoge: 1+1=2
    Die RÖKAKI (lt. Dr. Renate): 1+1+1=1
    Der Ironiker: v=s/t bei s und t=0? Unendlich oder doch nur Konstante c?
    Pädagogisch im Sinne von Aufklärung durch Lehrer. Solchen bin dankbar, das Einmaleins gelehrt bekommen zu haben. Pingsten ist der ideale Zeitpunkt für eine neuerlich Fulguatin, freu mich schon.

    Linus Sanktus Spiritus

  5. 5 Linus Heilig April 6, 2010 um 11:54 am

    Fulguatin statt Fulguration, 2 Schreibfehler in einem Wort, das mache mir mal einer nach. Obwohl, klingt gar nicht schlecht. Ich schau mal im Duden (was weißt denn du denn) nach.

  6. 6 Johannes B. Juli 3, 2010 um 9:23 pm

    Toll…
    dein Blog ist richtig toll…

  7. 8 Itna Juli 30, 2013 um 12:10 am

    Das erklärt mir endlich die Welt-danke.
    Bisher glaubte ich immer an Darwin-dies ändert natürlich alles.

    Und Dein Traum ist wahr, denn er steht im heiligen Internet.

    ach hätte ich diesen schon vor 3 Jahren gefunden, ich hätte mir so viele Posts sparen können.


  1. 1 Glauben und Denken « no heaven – only sky Trackback zu September 28, 2010 um 11:43 am
  2. 2 2010 in review « no heaven – only sky Trackback zu Januar 2, 2011 um 11:18 am

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Falls Du glaubst, Denken und Glauben schlössen einander nicht aus, bedenke deinen Glauben! Es gibt keine Götter – Gott sei Dank. Glaube ist der Sieg des Wunschdenkens über die Vernunft. Allein mit diesen drei harmlosen Sätzen errege ich gewiß bei vielen von euch Anstoß – und das nach über zweihundert Jahren Aufklärung! Aber Anstoß erregen heißt auch etwas anzustoßen. Und genau das möchte ich: ein wenig zum Denken, ein wenig zum Zweifeln.
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